Das Nass war aus dem Mittelmeer ins Marmarameer geflossen. Dort staute es sich, schließlich brach der natürliche Damm am Bosporus. Mit der 200-fachen Kraft der Niagarafälle donnerten die Wassermassen hinab ins Schwarze Meer, das damals 150 Meter tiefer lag als heute. An seinen Gestaden ereignete sich eine Katastrophe biblischen Ausmaßes. 100 Kilometer weit war das Getöse zu vernehmen.

Vor sechs Jahren sorgten die amerikanischen Meeresbiologen William Ryan und Walter Pitman mit dieser Sintflut-Hypothese für Aufsehen. Sie glaubten nachweisen zu können, dass die Katastrophe sich vor 7500 Jahren ereignet hatte. Rund um den Erdball erzählten Zeitungen den Knüller nach. Streitfall Sintflut titelte die ZEIT, "Noah war ein Türke", frohlockte die Istanbuler Zeitung Hürriyet. Der amerikanische Titanic-Wiederentdecker Robert Ballard teilte die Begeisterung. Nach Erkundung des Meeresbodens lieferte er die Bestätigung: Noah war mit den Überresten der Fauna durch das Schwarze Meer geschippert.

Die schöne These wankt jedoch bedrohlich. Jun Abrajano, Professor für Umweltforschung in Troy im US-Bundesstaat New York und sein kanadischer Kollege Ali E. Aksu von der University Newfoundland nahmen die Sedimente im Marmarameer unter die Lupe. Dabei entdeckten sie Dinge, die widerlegen, was Ryan, Pitman und Ballard für einen biblischen Beweis hielten. Am Grund des Marmarameers, das Mittelmeer und Schwarzes Meer verbindet, liegen nämlich Sedimente, die vor 10 000 Jahren aus dem mit Süßwasser gefüllten Vorläufer des Schwarzen Meers eingeschwemmt worden sind. Um mit der Sintflut-These übereinstimmen zu können, ist das genau die verkehrte Richtung. Bahnte sich also statt der Superflut aus dem Süden das süße Träufelwasser aus dem Norden am Bosporus den Weg? Wenn dem so war, blieb für die Flucht genug Zeit.

Mehrere tausend Jahre soll der Prozess gedauert haben.

Die Vermutung, dass es eine frühere Verbindung zum Schwarzen Meer gab, stützen die Forscher mit den Analysedaten der so genannten Sapropel-Schichten im Marmarameer (GSA Today, Nr. 5/02 sowie Marine Geology, Nr. 3161/02). In diesem Süßwasserschlamm fanden sich organische Spuren, zum Beispiel Pollen, und Fossilien von Getier, das aus dem Schwarzen Meer stammt.

"Der stärkste Beweis aber ist das Delta", sagt Abrajano. Deltas bilden sich, wenn ein Fluss in ein anderes Gewässer strömt. Vor über 9000 Jahren hatte sich am Bosporus eines gebildet - auf der Seite des Marmarameers. "Können Sie mir diese Ablagerungen erklären, wenn damals hier kein Waser geflossen sein soll, wie das Ryan und Pitman mit ihrer Sintflut-These behaupten?", fragt Abrajano. Damit sich nämlich genügend Nass für eine biblische Flut hätte ansammeln können, bedurfte es an dieser Stelle eines undurchlässigen Landriegels. Ein südwärts wachsendes Delta hätte sich da nicht bilden können - zumal nicht genährt von einer Süßwasserwanne, deren Oberfläche gemäß der Sintflut-These damals 150 Meter tiefer liegen sollte.

Allerdings gibt es auch im Szenario von Ryan und Pitman eine Phase, in der das Wasser süß und langsam südwärts plätscherte. Während der letzten Eiszeit, als der Meeresspiegel um 120 Meter gefallen war, hatte das Schwarze Meer seinen Kontakt mit dem Mittelmeer verloren. Als aber vor 20 000 Jahren die Temperatur stieg, schmolzen die Gletscher, und die Rinnsale füllten das Schwarze Meer. Das Wasser lief über, erst ins Marmarameer, dann ins Mittelmeer. In jener Zeit könnte sich am Bosporus ein ausladendes Delta gebildet haben, mit pollenhaltigem Schlamm und Fossilien aus dem Norden.

So leicht will Abrajano seine Theorie nicht mit der Sintflut-These kompatibel machen lassen. Seine Proben sind jüngeren Datums. Er und Aksu beschreiben minutiös die langsamen Fließprozesse nord- und südwärts in den letzten 12 000 Jahren. Und in dieser Zeit ging es am Bosporus ähnlich geruhsam zu wie heute, wenn 300 Meter lange Frachtkähne behäbig vor dem Topkapi-Palast vorbeigleiten. Da ist kein Platz für die Katastrophe.

Die Suche nach dem Ereignis, das dem Mythos Modell stand, muss wieder von vorn losgehen. Viele Forscher wollen das abenteuerliche Erzählstück wissenschaftlich belegen:

- Manche vermuten in der Saga die Nachricht von einem kosmischen Ereignis.

Kometensplitter waren in die Meere gefallen und hatten Tsunamis ausgelöst, worauf jedes nah am Wasser lebende Volk seinen Schwall abbekam und fortan darüber fabulierte - eine der Möglichkeiten, warum über 500 Überschwemmungsmythen kursieren.

- Oder handelte es sich bloß um die Beobachtung aufmerksamer Zeitgenossen? Am Ende der Eiszeit stieg der Meeresspiegel jährlich um zwei Zentimeter. Schon manche Erzählhandlung hatte im Laufe der Zeit eine Beschleunigung erfahren.

- Am wahrscheinlichsten ist, dass die eine Sintflut, deren Ereignisse die Bibelautoren einst aus dem Gilgamesch-Epos abgekupfert hatten, gar nicht stattgefunden hat. Schließlich überschwemmt Jahr für Jahr irgendwo ein Fluss ein paar Täler.

Aber diese Einsicht wird niemanden daran hindern, der berühmten Katastrophe und dem mutigen Helden Noah hinterherzuforschen - und spannende Geschichten zu erzählen.