Wie der oberste Regierungsgutachter für nukleare Sicherheit sieht er gewiss nicht aus. Mit offenem Hemd, schulterlangem Haar und viereckiger Brille wirkt Michael Sailer eher wie ein Ökofundi, der im vergangenen Jahrtausend hängen geblieben ist. Doch wer den Vorsitzenden der Reaktorsicherheitskommission (RSK) nach seinem Äußeren einstuft, ist ihm schon auf den Leim gegangen. "Ich weiß genau, wann und warum ich provoziere", lacht der 48-Jährige.

Manchmal, so gibt Sailer zu, genieße er geradezu die Irritation, die sein Retro-Outfit hervorruft. Schließlich verändert der Titel des RSK-Vorsitzenden, der ihm im März dieses Jahres verliehen wurde, nicht die Persönlichkeit. Dass der profilierte Atomkritiker mit seiner Vergangenheit nicht bricht und das nach außen dokumentiert, verstößt zwar gegen den glatt rasierten Zeitgeist. Aber der ist ihm schnuppe. Letztlich ist das eine kühl kalkulierte Frage der Glaubwürdigkeit.

Und Glaubwürdigkeit ist das zentrale Element von Sailers Macht und der heiklen Balance, die er zwischen zwei verfeindeten Polen wahren muss: Einerseits hat er als stellvertretender Geschäftsführer des Öko-Instituts möglichst viele Atomkritiker davon zu überzeugen, dass er weiterhin als Sachverständiger ihre Interessen vertritt, zumindest nicht dagegen verstößt.

Andererseits muss er der Atomindustrie beweisen, dass er unideologisch denkt und bei seinen Entscheidungen stets das Gesamtwohl im Blick hat, so wie es sich für einen amtlich berufenen Gutachter gehört.

Geht das überhaupt? Gleicht das nicht dem Versuch, simultan auf zwei weit voneinander entfernten Stühlen zu sitzen? "Ich bin sehr erfolgsorientiert", antwortet Sailer leise. Eines seiner Erfolgsrezepte lautet, sich von massiven Spannungen und harter Kritik nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

Seine neue Rolle in der Reaktorsicherheitskommission verdankt Sailer letztlich Bundesumweltminister Jürgen Trittin. Dieser ließ nach seiner Amtsübernahme alle wichtigen Leitungsposten neu besetzen, sei es im Bundesamt für Strahlenschutz oder in der Gesellschaft für Reaktorsicherheit. Überall rückten Gesinnungsgenossen auf. Wurde da nicht die alte "Atommafia" durch eine neue "Antiatommafia" ersetzt? Wie kann man bei dem nahe liegenden Verdacht politischer Instrumentalisierung überhaupt noch wissenschaftlich und glaubwürdig gutachten?

"Halt", sagt Sailer. "Da mag zwar ein politisches Konzept dahinterstecken.