Abend für Abend geschieht in der Leseecke das Rätselhafte: die Verzauberung durch ein Buch. Leider weiß man nie, woran es liegt, denn genausogut könnte man die Liebe erklären wollen - warum man etwas nicht mehr missen möchte, von dem man gar nicht wusste, dass man es ersehnt. Die Erklärungsnot lässt sich nur durch Lobpreisen lindern, Franz Fühmann hat das einmal demonstriert, indem er einem imaginären Verleger zu dessen imaginärem Geburtstag gratulierte: "Lieber Jubilar, ich mache Ihnen das schönste Geschenk, das man einem Verleger machen kann: Ich zeige Ihnen einen Dichter. Er ist hier nicht anwesend. Seine Abwesenheit quält; sein Anwesendsein wird Schwierigkeiten bringen: Er ist ein Dichter. Er heißt Wolfgang Hilbig." Damals, im Jahr 1980, war Wolfgang Hilbig noch unbekannt, und Franz Fühmann machte sich bei den Kulturbehörden der DDR unbeliebt, indem er den Kollegen lobte. Der bekam vor kurzem den wichtigsten deutschen Literaturpreis, sein Förderer jedoch, der seit 20 Jahren tot ist, gerät langsam in Vergessenheit.

Dabei hat Franz Fühmann, geboren 1921 in Böhmen, neben eindrucksvollen Erzählungen und Essays (beispielsweise über E.T.A. Hoffmann) die wohl schönsten Nachdichtungen klassischer Texte für Kinder geschrieben: Seine Irrfahrt und Heimkehr des Odysseus, sein Prometheus und sein Nibelungenlied sind fabelhafte Arbeiten am Mythos, die den stereotyp gewordenen Helden wieder ein Gesicht geben und ihren hundertmal durchlebten Abenteuern neuen Glanz. Fühmann schätzte die Mythen wegen ihrer lebensnahen Widersprüchlichkeit, und er liebte die Dichter der Romantik für ihren Mut, "sich jenen unhellen und wenig anheimelnden Kräften zu stellen", die das Menschsein ausmachen. Genau dieser Mut aber, gebändigt durch eine feine Lakonie und beflügelt durch eine heftige Imaginationsfreude, macht den Reiz von Fühmanns selbst erfundenen Märchen auf Bestellung aus.

Eines davon ist jetzt im Hinstorff Verlag neu aufgelegt worden, wo auch die Werkausgabe erscheint: Anna, genannt Humpelhexe - eine Mischung aus Schulschwänzergeschichte und Zaubermärchen, apokalyptischer Parabel und Verkehrte-Welt-Scherz. Am Beispiel des Hexenkindes Anna und seiner zwei ungleich langen Beine werden wir über Nutzen und Nachteil der Frechheit in einer gleichmacherischen Gesellschaft aufgeklärt. Denn auch sieben Hasensprünge hinter dem Ende der Welt, wo die Sportarten Bocksreiten, Besenstielfliegen und Kugelstoßen mit eingerollten Igeln populär sind, gibt es kleinliche Regeln und missgünstige Menschen. Man überwindet sie nur mit List und guter Laune, und man besiegt sie am besten im Langsamlaufwettbewerb, indem man so gemächlich läuft, dass die Schnecken an einem vorbeistürmen, die Sonne rauf- und runterrast und die Jahreszeiten im Stundentakt vorbeiziehen. Dieses Märchen ist insofern kein Märchen, als es nur mit Ach und Krach in ein moralisches Koordinatensystem passt und am Ende die heile Welt bloß vorgetäuscht wird. Jacky Gleich hat deshalb in ihre grandiosen Illustrationen alle unaufgelösten Widersprüche hineingemalt: Wir erkennen sie an den verrückten Proportionen und den noch viel verrückteren Perspektiven. Die Künstlerin hält genau den richtigen Abstand zum Text, indem sie sich ausmalt, was dort gar nicht gesagt wird, oder vergrößert, was im Text klein war, oder uns einprägt, worüber wir lesend hinweggehuscht sind. Ihre kühnen Striche und grotesken Motive in Grün-Rot-Blau akzentuieren die gefährlich-komische Tendenz des Märchens.

Jacky Gleichs Bilder sind ein Kunstwerk für sich, also die beste denkbare Art, auf eine tolle Geschichte zu antworten und gleichzeitig Fühmanns Frage auszuweichen: "Wodurch, zum Teufel, wirkt so ein Text?" Wir wissen es, ehrlich gesagt, auch nicht. Aber wir machen Ihnen, liebe Leser, das schönste Geschenk, das man Lesern machen kann: Wir zeigen Ihnen einen Dichter. Er ist nicht mehr anwesend. Aber seine Abwesenheit quält; sein Anwesendsein könnte Überraschungen bringen: Er ist ein Dichter. Er heißt Franz Fühmann.

LUCHS 185 wurde von Hilde Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad Heidkamp ausgewählt. Am 11. Juli, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen - Funkhaus Europa die Geschichte vor (Redaktion: Marion Gerhard). Ein Gespräch mit Peter Härtling ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de

Franz Fühmann/Jacky Gleich: Anna, genannt Humpelhexe
Hinstorff Verlag, Rostock 2002; 48 S., 9,90 € (ab 6 Jahren)