Es ist eine Krux mit der Schweiz. Kaum ein Land, über das so viel Unsinn zirkuliert, auf das so viele Klischees den Blick verstellen. Ausländische Gazetten schildern die Eidgenossenschaft als harmlos (Heidi) und halunkisch (Banken), weltläufig (Schweiz AG) und verschlossen (EU-Nichtmitgliedschaft), als proper, pünktlich und betulich. Warum dem so ist und worin die Widersprüche gründen, das erfährt man selten. Die Schweiz ist zum einen klein, zum andern kompliziert. Wäre sie groß, so würde sich das Ausland auf ihre Kompliziertheit einlassen. Wäre sie simpel, so genügte die oberflächliche Betrachtung zur korrekten Wahrnehmung. Doch welcher Beobachter mag schon Energie darauf verwenden, einen unbedeutenden Kleinstaat zu enträtseln?

Jürg Altweggs Buch bietet jenen, die es versuchen wollen, wertvolle Schlüssel. Er lebt als Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf und beobachtet von dort aus Frankreich und die Schweiz. Eine für beide Länder vorzügliche Standortwahl, die originelle Einsichten ermöglicht. Ihm fällt anderes auf und ein als einem, der im Zentrum politischer, kultureller oder wirtschaftlicher Macht sitzt. Bei der Schweiz-Analyse stützt er sich nicht nur auf die beiden Großen Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt; er findet auch Anregung bei außerhalb des französischen Sprachraumes wenig bekannten Westschweizer Autoren. Ihm ist bewusst, dass für die heutige Finanz- und Wirtschaftsschweiz die Tradition der Genfer Privatbankiers ebenso prägend ist wie jene der Zürcher Hochfinanz oder der Basler Chemie. Auch er kommt nicht um das Phänomen Christoph Blocher herum, des nationalkonservativen Milliardärs, der heute der mächtigste Politiker im Land ist. Aber er versucht nicht, alles und jedes mit ihm zu deuten oder auf ihn zurückzuführen.

Die Schweiz ist derzeit in vielerlei Hinsicht ein Paradox, auch wenn viele die Spannungen nicht spüren, andere sie nicht wahrhaben wollen. Sie ist einerseits ausgesprochen modern, tolerant und lebenslustig. Zürichs Streetparade, Europas größter Spaßkulturanlass, zeugt ebenso davon wie die kulturelle Dynamik. Auch wirtschaftlich boomt die Schweiz und gilt manchen gar als "trendy". Sie ist kosmopolitisch und zählt ein Fünftel Ausländer. Kaum ein anderes Land hält da mit.

Andererseits ist die Schweiz blockiert und verunsichert, erst recht seit dem Katastrophenherbst 2001: Swissair-Pleite, Amoklauf von Zug, Brandkatastrophe im Gotthard. Erst auf äußeren Druck hat sie sich mit ihrem Verhalten im Zweiten Weltkrieg auseinander gesetzt. Und dabei gemerkt, dass nicht so sehr dieses selbst, wohl aber dessen nachträgliche heroisierende Umdeutung unhaltbar war. Nun liegt ein fundierter Historikerbericht vor. Doch niemand mag sich auf dessen Diskussion einlassen. Auch das ist typisch schweizerisch. Dieses Land ist ausgesprochen debattierfeindlich, was die großen Fragen nach seinem Sinn und Zweck betrifft. Stattdessen ist es gnadenlos pragmatisch. Die einzige Frage, die angesichts einer Problemstellung interessiert ist: Funktioniert's? Die Expo 02, die bevorstehende Landesausstellung, wird wohl "funktionieren", allen Unkenrufen zum Trotz. Vielleicht gibt wenigstens sie Impulse.

Die Schweiz ist weder ethnisch, sprachlich noch religiös eine Einheit. Ihre Existenz ist keine Selbstverständlichkeit, bedarf stets erneuerter Willensakte. Dass die drei Sprachräume auseinander driften, wie Altwegg aufzeigt, müsste beunruhigen; doch es fällt niemandem so richtig auf. Anders als Belgien oder Kanada, wo Sprach- und Kulturgräben schon immer als Belastung wahrgenommen wurden, galt die Vielsprachigkeit bisher in der Schweiz als Glück. Doch die Eidgenossen machen immer weniger aus dieser Chance.

Sollen sich die Schweizer Widersprüche nicht, wie manche fürchten, im Untergang des Landes auflösen, braucht dieses wieder ein intensives Nachdenken, einen leidenschaftlichen Streit über sich selbst. Doch viele jüngere Intellektuelle verspüren geringe Lust, ihn zu führen. Es bräuchte viele Bücher wie jenes von Jürg Altwegg. Auch er kaschiert freilich seine im Buchtitel kundgetane Ratlosigkeit nicht. Jedenfalls mündet sein Essay in der nicht sonderlich überraschenden Empfehlung, die Schweiz müsse zwecks weicher Landung in der Geschichte auf den europäischen Zug aufspringen. Ob das ausreichte, um sie nach Jahren des Schlingerns in ihrem Selbstverständnis wieder auf Kurs zu bringen?

Jürg Altwegg: Ach, du liebe Schweiz
Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2002; 191 S., 14,90 €