Lukas lässt sich nicht ablenken. Konzentriert starrt er in das Buch auf seinen Knien unterm Tisch. Da sollen 500 Kinder um ihn herum mit ihren Hörsaalsitzen klappern, wie sie wollen. Lukas liest. Was denn Spannendes? Die Frage nötigt ihm keinen Blick ab, wortlos schlägt er zur Aufschlagseite und wieder zurück. "Alfred Hitchcock" - ach so. Da soll einer sagen, Kinder lesen nicht. Bitte noch einmal, wie war gleich der Titel? "Die drei Fragezeichen und der verschwundene Schatz", sagt der Junge jetzt. Auch dass er elf Jahre alt sei, aus Horb am Neckar stamme und jede Woche komme - zur Kinderuni nach Tübingen.

Der Renner im südwestdeutschen Sommer. Im Jahre 525 nach der Gründung der Universität stürmen Kinder die Hörsäle. Die Tübinger Lokalzeitung Schwäbisches Tagblatt und die Uni haben die Kleinen zu den großen Warum-Fragen des Lebens eingeladen: Warum fragen wir warum? Warum ist Schule doof? Warum beten Muslime auf Teppichen? Warum träumen Menschen? Warum gibt es Kriege? Warum dürfen Erwachsene mehr als Kinder?

Trotz Freibad und Hitzefrei an der Schule rücken jede Woche zwischen 500 und 900 Schüler an, dienstags, 17 Uhr c. t., Neue Aula, Wilhelmstraße. Besuchen Vorlesungen wie die Großen, City-Roller zusammengeklappt, Block und Stift untern Arm geklemmt und Kinderuni-Schein zum Abstempeln bereit. Erlebnis pur.

Was sind dagegen ein paar vereinzelte Stimmen, die die Kindervorlesungen als PR-Gag kritisieren und Pisa-verängstigten Eltern vorwerfen, ihre Kinder aus übertriebenem Bildungseifer an die Alma Mater zu schleppen.

Warum Lukas hier ist? Blöde Frage, weil ihn die Themen interessieren, sagt er. Vor allem die erste Vorlesung über Vulkane hat ihm gefallen, warum sie Feuer speien, was toll an ihnen ist und wie gefährlich sie sind. Dass der Professor auf einem Vulkan sogar seinen Schlafsack ausgerollt und dort geschlafen hat, findet er "voll krass". An die zweite Vorlesung, Warum gibt es Arme und Reiche?, erinnert er sich schlechter. Nur eines weiß er, dass der Unirektor Eberhard Schaich eine Schatzkiste voller Schokoladen-Goldtaler mitgebracht hatte. Er hat keinen abgekriegt. Aber jetzt, bitte, nicht weiter stören.

"Ich war zwischendurch etwas skeptisch, ob sich Kinder wirklich für die Uni interessieren und etwas von den Vorlesungen haben", sagt Hermann Bausinger, emeritierter Professor für Kulturwissenschaft und Referent des Tages.

Bedenken hatte er auch, ob sein Thema bei den Kindern ankommt: Warum lachen wir über Witze? Als ob dieser Titel nicht allein schon Abwechslung in den trockenen Wissenschaftsbetrieb bringen würde. Es ist heiß und stickig im Hörsaal. Kinder balgen um Wasserflaschen, rennen zum Waschbecken rechts neben dem Pult, kühlen Kopf und Arme und schicken ihre Eltern weg, denn die haben hier nichts verloren. Bis die Erfinder der Kinderuniversität, die Zeitungsredakteure Ulla Steuernagel und Ulrich Janßen, zur Klapperprobe mit den Stühlen und zur Klopfprobe mit den Fäusten aufrufen. Lektion eins: In der Uni wird nicht geklatscht, sondern geklopft. Wer schon mit dem Kinderstudentenausweis in der Mensa essen war, wird abgefragt. Und ein Wettkampf für die besten Witzeerzähler am Ende der Vorlesung angekündigt.