Wer sich in der Cafeteria der Werner-Seelenbinder-Schule im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen eine kleine Flasche Cola light kauft, weiß genau, was er tut. Nämlich kurz darauf 0,8 Kilojoule und 0,03 Gramm Kohlenhydrate zu sich nehmen. So steht es an der kleinen Tafel direkt neben der Essens- und Getränkeausgabe, die fast ausschließlich von jungen - und ernährungsbewussten - Leistungssportlern frequentiert wird. Denn die Werner-Seelenbinder-Schule ist Deutschlands größte Sportschule mit angeschlossenem Internat. Und spätestens seit den erschreckenden Ergebnissen der Pisa-Studie ist sie auch ein Ort, an dem sich trefflich über Bildungsfragen diskutieren lässt: Soll man möglichst lange auf Allgemeinbildung setzen? Oder möglichst früh auf Spezialisierung, wie es die Seelenbinder-Schule tut, in ihrem Fall auf Sport?

Es sind nur noch wenige Tage bis zu den Sommerferien. Fünf der 1200 Seelenbinder-Schüler sitzen in dem kleinen Innenhof der Schule. Die Mädchen und Jungen warten auf die Siegerehrung jener 57 Schülersportler, die in diesem Jahr bei nationalen und internationalen Wettkämpfen besonders erfolgreich waren. Wie die anderen werden die fünf eine Urkunde und ein kleines Präsent erhalten

für herausragende Leistungen im Bogenschießen. Ihr Ziel seien die Olympischen Sommerspiele 2004 in Athen, sagen Matthias Hummel und Frank von Dincklage, beide 17 Jahre alt. Die besten Bedingungen, um ihren Traum zu realisieren, hätten sie an der Sportschule, wo ihr großer Trainingsaufwand, ihre Reisen zu Wettkämpfen und ihr Stundenplan aufeinander abgestimmt seien.

Die Kombination von Sport und Schule gleicht für Schulleiter Gerd Neumes einer logistischen Meisterleistung: Bei einem Oberstufenschüler müssen 30 Stunden Unterricht und fast ebenso viele Trainingsstunden in einer Woche untergebracht werden. Leistungssport sei schließlich ein Vollzeitjob, sagt Neumes, aber man wolle auch gewährleisten, dass der Athlet auf ein späteres Berufsleben vorbereitet wird und einen ordentlichen Schulabschluss macht.

Geht das? Ganz ohne Abstriche?

Ob Grund-, Haupt-, Realschüler oder Gymnasiasten - auf der integrierten Gesamtschule in Berlin-Hohenschönhausen lernen begabte Sportler aus 17 verschiedenen Sportarten mit unterschiedlichen intellektuellen Potenzen, wie Neumes sagt. Nur eines hätten alle gemeinsam: den Willen, ihr Leben dem Sport zu widmen. Um vielleicht irgendwann einmal auf einem Siegertreppchen ganz oben zu stehen. Vorbilder gibt es einige: Franziska van Almsick, Claudia Pechstein und Jan Ullrich haben die Werner-Seelenbinder-Schule besucht. Auch Ilona Slupianek, die seit zwölf Jahren mit 22,45 Metern den deutschen Rekord im Kugelstoßen hält - und wegen Dopings gesperrt war. Eine Strafe, die nun auch Rad-Idol Ullrich erwartet.

Insbesondere die Athletin Slupianek erinnert an eine Epoche, die für Schulleiter Neumes heute abgeschlossen ist: Vor der Wende gehörte seine Schule dem DDR-Verbundsystem der Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) an