Und die Jugendbewegungen, mit denen man sympathisierte oder denen man nahe stand oder an denen man teil hatte, landen im Museum. So geschehen in Düsseldorf, wo sich jetzt in der neu eröffneten Kunsthalle eine Ausstellung mit dem Titel Zurück zum Beton begutachten lässt. Zurück zum Beton? Ganz genau, so hieß dieses zackig durchgepeitschte Zwei-Minuten-Stück der Solinger Punkband S.Y.P.H. um Harry Rag, den Sänger, Texter und Gitarristen: Zurück zur U-Bahn, zurück zum Beton. Nicht unbedingt ein Meilenstein der Lyrik, aber unbedingt einer des Parolenschmiedens. Dass der Song etwas mit einem ins Negative gewendeten Rousseau zu tun habe, wie Harry Rag behauptete, ist zwar zweifelhaft, aber das Schöne ist: Es spielt auch keine Rolle.

Am Anfang war das Buch

An dieser Stelle komme ich nicht mehr drum herum, "ich" zu sagen oder "wir". Worum es hier geht, also Punkrock in West-Deutschland und West-Berlin, haben wir von der anderen Seite der Mauer beobachtet, mit eingeschränkter Sicht sozusagen. So kannte ich S.Y.P.H. beispielsweise lange Zeit nur als kryptischen Schriftzug auf den Lederjacken älterer Punkrocker, als ein Akronym, das sich beim besten Willen nicht auflösen ließ, ehe ich das erste Mal Musik von S.Y.P.H. gehört habe. Und dabei hatten wir es noch gut, die wir in und um Berlin wohnten. Hier gab es immerhin Burghard Rausch und John Peel im Radio. Leute aus dem Südosten des Landes haben zu der Zeit schon mal Motörhead für eine Punkband gehalten. Erst im März 1986 hat sich dann das staatliche Jugendradio DT-64 entschlossen, einmal pro Monat zunächst, eine Stunde lang das zu senden, was als alternative Musik galt, von Punk bis Industrial. Parocktikum hieß die Sendung, die nachts lief und von Lutz Schramm moderiert wurde. Tagsüber musste man Heinz-Rudolf Kunze hören und IC Falkenberg und die Scorpions. Aber ab und zu gab es auch ein paar Perlen. Etwa wenn die gesamte Residents-LP Live in Japan runtergespielt wurde, an der Gitarre der göttliche Snakefinger. Mann!

Zurück zum Beton also heißt die Ausstellung, "Die Anfänge von Punk und New Wave in Deutschland 1977-'82", und sie wäre nicht denkbar ohne ein Buch, das seit seinem Erscheinen für Euphorie gesorgt hat: Jürgen Teipels Verschwende deine Jugend, benannt nach einem DAF-Klassiker.

Zwei Sachen vorweg: 1. Ich bin nicht unparteiisch, und 2. (was vielleicht daraus folgt): Das Buch ist großartig. Das fällt besonders ins Auge, wenn man es mit dem thematisch ähnlichen Wir wollen immer artig sein ... vergleicht, das 1999 bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschien, ein Verlag, der sich auf nostalgische Ost-Archäologie spezialisiert. Wie bei Teipels Buch, ist auch dieser Titel gleichzeitig ein Songtitel - und zwar einer der Ost-Berliner Fun-Punk-Band Feeling B, deren Sänger Aljoscha leider auch schon tot ist und aus der dann später Rammstein hervorgingen.

Einblicke in die Punk-, New-Wave-, HipHop- und Independent-Szene der DDR zwischen 1980 und 1990 verspricht das Buch, und die gewährt es sogar recht ordentlich. Und zwar in Form von Berichten und Erinnerungen Beteiligter. Es ist und bleibt aber hauptsächlich eine Dokumentation. Teipels Buch liefert darüber hinaus das Psychogramm einer, nun gut, vielleicht nicht gleich einer ganzen Generation, aber doch des interessanteren, weil aufmüpfigen Teils einer Generation. Am Anfang war da noch eine gewisse Skepsis gegenüber der Genrebezeichnung, die auf dem Cover prangt: "Doku-Roman". Das roch nach schlechtem Werbegag.

Nach der Lektüre aber stellte sich heraus, dass die Bezeichnung passend ist. Es gibt alles, was sich auch in einem Roman findet: verschiedene Schauplätze, meist Kneipen, Übungsräume oder Konzerthallen, an denen die Protagonisten der Punkszene einander begegnen, es gibt sogar so etwas wie einen Plot, wenn man die Freundschaften und Zerwürfnisse untereinander nimmt oder die dauernden Neuerfindungen der eigenen Position und Person. Wir haben hier einen Gesellschaftsroman, geschrieben oder besser: erzählt von denen, die sich bewusst und in den meisten Fällen wohl auch ohne Not für das Abseits entschieden haben. Für eine Zeit lang jedenfalls.