Christopher Lutz arbeitet sich mühsam vor zu seinem Tisch auf der Bühne in der Dortmunder Westfalenhalle - durch ein Gewühl von blitzenden Fotografen, strahlenden Politikern, Schiedsrichtern, Moderatoren, Großmeistern und so genannten Supergroßmeistern. Lutz ist der einzige Deutsche und der einzige schlichte Großmeister unter den acht Kandidaten, die vergangene Woche bei diesem Qualifikationsturnier angetreten sind

er ist die Nummer 40 auf der Weltrangliste. Die anderen sieben Spieler gehören zu den Top Ten. Der Sieger wird gegen den Weltmeister des britischen Schachverbandes Einstein Group spielen, Wladimir Kramnik. Lutz darf hier dank einer Wildcard mitmischen, die dem besten Spieler des Gastgeberlandes zusteht. Er hat in den letzten Jahren die deutschen Matadoren Hübner und Jussupow überholt.

Aber seine Chancen sind bescheiden nach der Papierform, dem persönlichen Qualitätsmerkmal Elo-Rating, das um durchschnittlich 80 Punkte unter denen seiner Dortmunder Mitmatadoren liegt - etwa 40 : 60, wenn alle in ihrer Normalform spielen. Trotzdem traut sich der 31-jährige Deutsche zu, der sich seit Monaten mit täglich acht Stunden Training auf dieses Turnier vorbereitet, hier zu gewinnen. Aber zusammen mit seinem dünnen Lächeln wirkt die Ankündigung eher wie ein tapferes Pfeifen im Walde. Jedenfalls bietet ihm dieses Turnier die größte Chance seiner Schachkarriere.

Christopher erreicht den Tisch mit seinem Namen und der deutschen Flagge, die ein bisschen tief, ungefähr auf Dreiviertelmast hängt. Gegenüber der bulgarische Wimpel. Die acht Spieler sitzen sich an vier Tischen auf der Bühne im Goldsaal der Dortmunder Westfalenhalle gegenüber. Zum ersten Mal bekämpfen sie sich nach einem Modus, der der Fußball-WM nachempfunden ist.

Sie spielen in zwei Vierergruppen, in denen jeder gegen jeden zweimal (einmal Weiß, einmal Schwarz) antritt. Danach spielen die Gruppenersten gegen die Zweiten der anderen Gruppe vier Partien im Halbfinale. Das Finale geht ebenfalls über vier Partien. Schon erscheint Weselin Topalow, der Favorit des Turniers, mit eisigem Gesicht und schießt eine Hand auf den Deutschen zu wie einen langen Läuferzug. Die meisten Großmeister pflegen sich vor der Partie mit Pokerface zu begrüßen. Die Züge im Gesicht verraten nichts, erst die Züge am Brett sprechen Bände. Lutz beißt die Zähne zusammen, schließt die Lippen und produziert eine merkwürdige Mischung aus Lächeln und Grinsen.

Er senkt den Blick aufs Brett, fixiert seine Figuren und dreht sie nacheinander auf dem Feld herum, als wolle er sie auf on knipsen oder ihnen alles Gute wünschen. Aber noch stehen sie hinter den Bauern und warten auf das Startzeichen durch den polnischen Schiedsrichter. Beziehungsweise auf Sportminister Schily, der im Namen von Kanzler Schröder den ersten Zug machen soll. Ausgerechnet gegen den deutschen Landsmann, denn der hat Schwarz.

Topalow flüstert dem Minister etwas ins Ohr. Schily schiebt seinem Landsmann postwendend Topalows Königsbauern entgegen, als wolle er Lutz den Krieg erklären. Dieser guckt sich den Bauern an und denkt vermutlich, dass das Leben leichter wäre, wenn der Minister auch die weiteren Züge machen würde.