Am Vormittag des 20. Juli 1932, gegen Viertel vor elf, klingelt ein Beamter der Reichskanzlei an der Pforte eines Dreizimmerhäuschens in Berlin-Zehlendorf, in das sich der preußische Ministerpräsident Otto Braun zurückgezogen hat. Dem verdutzten Hausherrn übergibt er ein mit Dienstsiegel verschlossenes Schreiben. Der brisante Inhalt besteht aus einem einzigen Satz: "Nachdem der Herr Reichspräsident mich durch die Verordnung vom 20.

Juli 1932 zum Reichskommissar für das Land Preußen bestellt hat, enthebe ich Sie Ihres Amtes als Preußischer Ministerpräsident. v. Papen." Braun beschließt, sich zum Staatsministerium fahren zu lassen. Doch Ministerialdirektor Eduard Nobis teilt ihm mit, das Haus sei bereits von Reichswehrtruppen besetzt und der Dienstwagen beschlagnahmt. Dann werde er eben mit einem Taxi ins Amt fahren und sich dort verhaften lassen, erklärt Braun.

In der Reichskanzlei löst diese Nachricht Bestürzung aus. Man überlegt hin und her, wie man den prominenten SPD-Politiker von seinem Vorhaben abbringen kann. Doch schon kurze Zeit später atmet alles erleichtert auf: Braun hat in einem Telefonat mit seinem Referenten Herbert Weichmann zu erkennen gegeben, dass er es sich anders überlegt habe und zu Hause bleiben wolle. Ein Rückzug von symbolhafter Bedeutung: Der einst so mächtige "rote Zar" von Preußen denkt nicht mehr an Widerstand

er hat innerlich längst kapituliert.

Seit März 1920 - mit kurzen Unterbrechungen 1921 und 1925 - hatte Braun, Spross einer Königsberger Arbeiterfamilie, in Preußen regiert. Unter seiner Führung schien das mit Abstand größte deutsche Land zu einer Bastion der Republik geworden zu sein. Die politische Situation war hier, wo die SPD mit dem Zentrum und der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) kooperierte, wesentlich stabiler als an der Spitze des Reichs, wo die Regierungen häufig wechselten und die Parteien der Weimarer Koalition seit 1920 über keine Mehrheit mehr verfügten.

Doch Anfang der dreißiger Jahre, als die Folgen der Weltwirtschaftskrise mit voller Wucht auch Deutschland trafen, zeigte sich, dass die Fundamente des republikanischen "Bollwerks Preußen" brüchig wurden. Die DDP (seit 1930 Deutsche Staatspartei) schrumpfte zu einer Splitterpartei. Die Tolerierung des ersten Präsidialkabinetts unter dem unpopulären Zentrumskanzler Heinrich Brüning, zu der sich die SPD-Führung bereit finden musste, verurteilte die Regierung Braun in Preußen zur Immobiliät, wollte sie die dortige Koalition mit dem Zentrum nicht gefährden. Überdies war die Finanzlage Preußens geradezu verzweifelt

sie zwang zu immer härteren Etatkürzungen.