So ein altes Haus, sagt Habib Bassous, das atmet, das lebt. Das will uns etwas erzählen. Vor allem dann, wenn es ein so berühmtes Haus ist wie dieses hier. Wir sitzen in einem hohen, lichten Innenhof und lassen unsere Blicke an den massiven Mauern entlanggleiten. 400 Jahre alt, verkündet Bassous, Stolz in der Stimme, die Arme enthusiastisch ausgebreitet. Die ungebremste Begeisterung des schnauzbärtigen, runden Mannes verbreitet sich in der weiten Loggia wie ein Funkenflug. Am liebsten würde er es umarmen, sein Haus, wenn es denn ginge.

Vier Jahre harte Arbeit, sagt der Architekt Bassous. Krach, Staub, Berge von Schutt. Dann war das Wakil-Haus, wie das Anwesen in Aleppo genannt wird, vor dem Verfall gerettet. Und Bassous ging daran, das Patrizierhaus behutsam in ein kleines Hotel mit Restaurant umzuwandeln. Die Lage könnte besser nicht sein: Das stattliche Haus liegt eingebettet in die viel gerühmte Altstadt von Aleppo, Syriens zweitgrößte Stadt nördlich von Damaskus. Und die erlebt gegenwärtig, nach 50 Jahren stetigen Verfalls, ihre Wiedergeburt.

Mit einem beispiellosen städtebaulichen Sanierungsprogramm, einem auf zehn Jahre terminierten deutsch-syrischen Gemeinschaftsunternehmen, soll ein architektonisches Gesamtkunstwerk gerettet werden, das die Unesco bereits 1986 zum Weltkulturerbe erklärte. Seit acht Jahren arbeiten die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und die Stadtverwaltung von Aleppo daran, den historischen Bezirken jene Lebensqualität zurückzugeben, für die sie in den langen Epochen ihrer wirtschaftlichen Blüte weithin berühmt war. Trotz aller Vernachlässigung zählt Aleppo bis heute zu den schönsten Städten der arabischen Welt, es wird gepriesen als der Inbegriff einer islamisch-orientalischen Stadt schlechthin.

Aleppo müsse man sich unbedingt von oben ansehen, versichert Habib Bassous.

Dann weiß man, wie so ein Gemeinwesen funktioniert. Also hinauf zur Zitadelle, auf den 50 Meter hohen Burgberg, der wie ein Gebirge aus der Stadtmitte ragt. Schnaufend aufwärts über die Stufen der steilen Rampe und immer weiter. Eine Rackerei, die sich lohnt. Von hier oben, aus der Vogelperspektive, erkennt man, dass sich die Altstadt als breite Halskrause ringförmig um die Zitadelle legt. Welch ein Panorama, das einem da zu Füßen liegt!

An eine U-Bahn ist nicht zu denken

Tief unten die Kuppeldächer der Moscheen, Koranschulen und Karawansereien, Minarette ragen wie spitze Fingerzeige aus dem Häusermeer, das unendliche Gewirr der Gassen, der weit verzweigte Suk. Ein Ensemble von harmonischem Gleichmaß und wie aus einem Guss. Denn von jeher wurden alle Gebäude aus dem blassen, ockerfarbenen Sandstein errichtet, den ein nahe gelegener Steinbruch liefert.

Am frühen Morgen wirken die Wohnviertel der Altstadt wie ausgestorben. Nicht mal eine Katze ist unterwegs. Die Gassen so schmal, dass die Sonne das Kopfsteinpflaster nur erreicht, wenn sie im Zenit steht. Abweisend und fensterlos ragen zu beiden Seiten die hohen Außenmauern der Wohnhäuser auf.

Häuser wie Wehrburgen, nur die massiven Holztüren lassen erkennen, dass hinter diesen meterdicken Steinwällen Menschen leben.

Doch dann öffnet sich eines der schweren Tore - und dahinter liegt ein Paradies. Orangenbäume, schwer mit Früchten behangen, blau blühende Ranken wuchern himmelwärts ins Helle, geheimnisvoll lispelt ein Brünnlein. Ein typisches orientalisches Hofhaus, das seine Anmut vor den Augen der Welt verbirgt, ganz darauf bedacht, die Intimität des Familienlebens zu wahren. In Aleppo gibt es Hunderte dieser umbauten Höfe, sie sind wichtiger Bestandteil des Sanierungsprogramms.

Wo Häuser zerstört werden, wird auch Erinnerung zerstört, sagt Bassam Beiruti, Bürgermeister von Aleppo. Er empfängt das Grüppchen deutscher Journalisten in seinem Amtszimmer im Rathaus. Alle Wände des hohen Raumes sind mit Porträts der Asads bestückt. Hafis al-Asad, das verstorbene Staatsoberhaupt, und Baschar, sein Sohn, der jetzige Präsident, jeweils im Wechsel, schauen auf uns herab.

Der Bürgermeister, ein gut aussehender schlanker Mann in mittleren Jahren, beklagt die Sünden der Vergangenheit. In den fünfziger Jahren waren breite Straßen durch Teile der Altstadt geschlagen worden, historische Hofhäuser wurden abgerissen, Alleen mussten weichen. Zu jener Zeit war die junge Stadtelite einem westlich geprägten Modernitätswahn verfallen und kehrte der Altstadt abrupt den Rücken. Statt die historischen Häuser komfortabler zu gestalten, pflasterte man lieber die Peripherie mit Neubauten zu. Dorthin zog, wer es sich leisten konnte und wem das Geld für die Erhaltung seines betagten Hauses fehlte. Seither hat die Altstadt ein Drittel ihrer ehemaligen Bevölkerung verloren. Heute leben dort noch rund 100 000 Menschen.

Vor allem wurde dem rapide wachsenden Autoverkehr bedenkenlos der Weg geebnet. Die Folgen dieser brachialen Veränderungen teilen sich uns akustisch mit: Vor den Fenstern des bürgermeisterlichen Amtszimmers tobt der Altstadtverkehr, dass die Scheiben scheppern. Fragend schaut Bassam Beiruti in die Runde. Wie soll man dieses Chaos in den Griff kriegen? An eine U-Bahn ist nicht zu denken in dieser Stadt, die zu den ältesten, kontinuierlich bewohnten der Welt zählt, in deren Erde sich die urbanen Hinterlassenschaften aus Jahrtausenden türmen. Vielleicht eine Schwebebahn wie in Wuppertal?, fragt der Bürgermeister mit einem ironischen Lächeln.

Die GTZ und das syrische Planungsteam residieren in einem bereits sanierten Stadtpalast, der, wie andere Nobelhäuser, lange als Warenlager missbraucht wurde, die Innenhöfe verkamen zu Müllkippen. Nun geben die geretteten Zeitzeugen wieder zu erkennen, dass Aleppo, vor allem unter 300-jähriger osmanischer Herrschaft, eine der reichsten Metropolen der Levante war.

Die Stadt lag am Schnittpunkt vieler bedeutender Handelswege, von denen die Seidenstraße nur einer unter vielen war. Was Kamelkarawanen auf ihren langen Wanderungen durch die östlichen Wüsten an Seide und anderen Luxusgütern heranschleppten, wurde in Aleppo auf Esel und Maultiere umgeladen. Nur diese kleinen, wendigen Tiere konnten auf schmalen Saumpfaden hohe Gebirge überwinden und damit die Häfen des Mittelmeeres erreichen.

Über Jahrhunderte begegneten sich in Aleppo Orient und Okzident und gingen eine glückliche Verbindung miteinander ein. Toleranz hatte Tradition in dieser Stadt. Muslime, Juden und Christen errichteten ihre Gotteshäuser und konnten unbehelligt nach eigener Façon selig werden. Weltoffen sind die Aleppiner auch heute noch.

Von der gegenwärtigen Aufbruchsstimmung werden künftig auch Touristen profitieren. In der Nähe des Wakil-Hauses eröffnen in alten Patrizierhäusern immer mehr Restaurants, kleine Hotels nisten sich im historischen Ambiente ein. Auch das Shibani-Haus, ein ehemaliger Palast, kann sich jetzt wieder sehen lassen. Einer der Säle, zu ebener Erde gelegen, wird in einigen Monaten zum Heimathafen für eine Ausstellung avancieren, die bereits in drei Städten der Bundesrepublik zu sehen war: Damaskus, Aleppo - 5000 Jahre Stadtentwicklung in Syrien.

In dem stattlichen Innenhof, unter den schönen alten Bäumen, umgeben von Rosenbeeten und Jasminsträuchern, können Studienreisende künftig eine gelehrsame Erfrischungspause einlegen. Und auch als Ausgangspunkt für eine Sightseeingtour auf eigene Faust eignet sich das Shibani-Haus bestens.

Beim Stadtspaziergang haben wir die Straße der Kupferschmiede hinter uns gelassen, doch noch immer das Dröhnen der niedersausenden Hämmer im Ohr. Wie können Menschen diesen Lärm nur aushalten, ein Leben lang? Ein hoch mit Wolle beladener Pferdewagen zwingt zur Flucht auf den kaum fußbreiten Gehsteig, gleich dahinter zwei Packesel, die ein Alter mit krächzenden Schreien vor sich her treibt. Motorräder rattern vorbei, seltsame, überdachte Dreiräder, offensichtlich von Hobbymechanikern in Heimarbeit zusammengeflickt.

Dann tauchen wir ein in den Suk, in das weit verzweigte Geflecht endloser Ladengässchen, dieses labyrinthische Netzwerk, Herz und Bauch von Aleppo. 14 Kilometer reine Verkaufsstraßen, auf voller Länge mit massiven Tonnengewölben überdacht. Wer da hineingerät, muss es dem Schicksal überlassen, wie er wieder herausfindet.

Schnell und mit verschlossenen Nasenflügeln vorbei am Spalier ausgenommener Hammelhälften und den vorwurfsvollen Blicken ihrer nebeneinander aufgereihten, guillotinierten Köpfe. Beglücktes Aufatmen, wenn einen die Woge der Käufer in die Straßen der Gewürzhändler spült, hinein in betörende Aromawolken. Dann zu den Konditoren, auf deren Theken grelle, kleine Sünden zu Pyramiden aufgetürmt sind, so hanebüchen süß, dass man daran kleben bleibt.

Meterhoch gestapelt die Stoffballen der Tuchhändler und Schneider, bodenlange Samtkleider für die Damenwelt, verziert mit Pailletten und Flitterstickerei.

Was hier, allen Augen preisgegeben, verwirrt, ist das große Angebot schrill-bunter Spitzenunterwäsche, das vor den Verkaufskojen baumelt - knappe, aufreizende Dessous, wie man sie bestenfalls in einem Sexshop auf Sankt Pauli erwartet. Alle Verkäufer sind Männer.

Sie glauben gar nicht, wie die Frauen hier mit den Verkäufern umspringen!, sagt Faisal, ein keinesfalls Macho-verdächtiger, gebildeter Syrer. Und fügt grummelnd hinzu: Die Frauen von Aleppo sind frech. Und die Verschleierten sind am schlimmsten. Vielleicht liegt nach unserer Rückkehr aus Syrien eine Revision zum Thema Die Frau im Islam an. Ergänzt durch das Kapitel Und die Aleppinerin im Besonderen.

Und die Männer von Aleppo? Sie sind höflich, zurückhaltend und haben, wie Hassan im Stoff-Suk, alle nur einen Wunsch: Sie möchten einen Euro sehen.

Fasziniert hält Hassan die glatten, knisternden Scheine gegen das Licht, betrachtet die Münzen von allen Seiten. Schnell kommen weitere Neugierige hinzu, das Geld geht von Hand zu Hand. Und die Fragen wollen kein Ende nehmen. Als entzünde sich für die Betrachter hier im Suk an der Symbolkraft des Euro die Hoffnung, auch die arabische Welt könnte eines Tages zu einer großen Gemeinschaft zusammenfinden.

Reiseleiter drehen Däumchen

Im syrischen Team für das Altstadtprojekt ist Razan, eine junge, dunkelhaarige Frau, sozusagen für den menschlichen Faktor zuständig. Sie redet mit den Bewohnern der Sanierungshäuser, erklärt Hausbesitzern, wie sie an günstige Kredite kommen. Und manchmal betreut sie auch spezielle Besucher.

Wie seinerzeit jenen unauffälligen jungen Mann, einen schmächtig wirkenden Ägypter, der an der TU Harburg Stadtplanung studierte und in Aleppo für seine Diplomarbeit recherchierte. Sein Thema: Können städtebauliche Qualitäten der Vergangenheit auch für eine moderne Wohnkultur wegweisend sein.

Nach Deutschland zurückgekehrt, schloss der Student seine Arbeit ab und erhielt dafür die Note 1,7. Zwei Jahre später, am 11. September 2001, lenkte der inzwischen 33-jährige Stadtplaner eine Maschine der American Airlines in den Nordturm des World Trade Center in New York und löste damit eine Katastrophe aus, wie die Welt sie noch nicht erlebt hat.

Seither haben sich Unsicherheit und Angst eingeschlichen, deutlich weniger Reisegruppen als zuvor besuchen arabische Länder. Auch in Aleppo sind die Reiseleiter jetzt zum Däumchendrehen verurteilt. Habib Bassous allerdings spürt bisher noch nichts von dieser Zurückhaltung. Sein Hotel ist nach wie vor ausgebucht. Die Gäste kommen zumeist aus der Bundesrepublik, Studienreisende, Wissenschaftler beispielsweise. Manche zum vierten oder fünften Mal. Es gibt eine lange Tradition syrisch-deutscher Beziehungen, sie reichen weit zurück bis zur Orientreise Wilhelm II. im Jahr 1898 und seinem Besuch in Damaskus.

So kurios es klingen mag: Hier haben sie dem deutschen Kaiser nie vergessen, dass er, gemäß der Landessitte, die Stiefel auszog, bevor er respektvoll vor den Sarkophag des großen, von ihm bewunderten Salah ad-Din trat. Im Orient, wo sich die Menschen gern die alten Geschichten erzählen, bleibt Vergangenes lange lebendig.

Auch zwischen dem Wakil-Haus und Deutschland besteht eine Verbindung. Und wenn das alte Haus aus seinem langen Leben erzählt, dann am liebsten diese Geschichte. Vielleicht aus Eitelkeit, weil das Patrizierhaus durch die besonderen Ereignisse des Jahres 1912 über Aleppo hinaus berühmt werden sollte.

Zu der Zeit bewohnte eine Familie Wakil das geräumige Anwesen. Niemand weiß, warum den Wakils die wunderschön bemalte Holztäfelung nicht mehr gefiel, die alle Wände ihres Empfangsraumes schmückte. Sie suchten einen Käufer für das 300 Jahre alte Kunstwerk und fanden ihn in dem Museumsdirektor Friedrich Sarre aus Berlin, der sich gerade auf einer Orientreise befand.

Sarre erkannte sofort, um welche Rarität es sich da handelte. Er zahlte bereitwillig 22 362,20 Mark in deutscher Währung und ließ die Verschalung fachgerecht abbauen. In 14 Kisten verpackt, kam die 2526 Kilogramm schwere Raumdekoration noch vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin an.

Im Museum für Islamische Kunst auf der Museumsinsel hat die in warmen Rottönen gehaltene Holzmalerei eine endgültige Bleibe gefunden. Dorthin wallfahren Wissenschaftler und Kunstkenner, um das Aleppo-Zimmer zu besichtigen, einen völlig unmöblierten Raum, dessen einzige Attraktion in der rundum verlaufenden Wandverkleidung besteht.

Auch ein Buch wurde dem ungewöhnlichen Exponat aus dem Morgenland gewidmet.

Ein Exemplar, vom vielen Gebrauch schon zerfleddert, liegt griffbereit auf einem intarsienverzierten Tischchen in der Emfangshalle des Wakil-Hauses. Wie zur Bestätigung, dass es eine wahre Geschichte ist, die das Haus in Aleppo seinen Besuchern erzählt.

Information

Anreise: Austrian Airlines fliegt von Frankfurt a. Main über Wien nach Damaskus und zurück zum Preis von 460 Euro plus Steuern und Gebühren (Sondertarif)

Veranstalter: Eine 15-tägige Wanderstudienreise mit Studiosus kostet von 2575 Euro an. Stationen sind beispielsweise Aleppo, Palmyra und Baalbek. Der Münchner Veranstalter hat die Kosten für die Ausstellung Damaskus, Aleppo im Shibani-Haus von Aleppo übernommen. Syrienreisen finden sich auch bei Ikarus Reisen und Dr. Tigges, meist in Kombination mit Jordanien und Libanon

Sanierungsprojekt: Mehr Informationen im Internet unter www.gtz-aleppo.org

Literatur: Im Philipp von Zabern Verlag, Mainz, sind folgende Bücher erschienen: Mamoun Fansa/Heinz Gaube: Damaskus. Aleppo. 5000 Jahre Stadtentwicklung in Syrien

2000

535 S., 25,50 Euro. Eugen Wirth: Die orientalische Stadt im islamischen Vorderasien und Nordafrika

2 Bände

2001

584 S., 168 Tafeln, 95 Euro. Frank Rainer Scheck/Johannes Odenthal: Syrien

Kunst-Reiseführer

DuMont Verlag, Köln 1998

472 S., 25,90 Euro