Seidler ist nicht der einzige auffällige Gast im Hilton. Das Haus hat sich als Refugium für Entwicklungshelfer und Landwirtschaftsberater bewährt, die sich im afrikanischen Elend aufgerieben haben. Buntgefiederte Vögel zwitschern im Garten. Am Swimmingpool tummelt sich die einheimische Hautevolee. Livrierte Wächter achten darauf, dass sich keine unerwünschten Elemente in das schattige Areal der Hotelanlage stehlen. Seidlers Paläoanthropologentruppe vertreibt sich die Zeit auf den Sonnenliegen oder an der Bar.

Im 19. Jahrhundert, als die Menschen noch an Gott und die Bibel glaubten, definierte man Paläoanthropologie als "die Lehre von den fossilen Menschenresten und den Erzeugnissen menschlicher Tätigkeit in der Urzeit". Heute geht es in dieser Wissenschaft vor allem um die Erforschung von Hominiden, den menschenähnlichen Früh- und Vormenschen. Um das also, was vor dem sechsten Schöpfungstag geschah.

"Ötzi"-Entdecker in Addis Abeba

Aber auf gewisse Weise ist die Paläoanthropologie immer noch eine Wissenschaft des 19. Jahrhunderts. Wie damals organisieren Forscher aufwändige Entdeckungsreisen in die Tiefe Afrikas. An ihre Funde knüpfen sich Weltbilder und Ideologien. Untereinander bekämpfen sie sich so heimtückisch wie die großen Afrikafahrer der Vergangenheit. Die Afar-Senke, mit bis zu 56 Grad Hitze und einer Durchschnittstemperatur von 35 Grad heißeste Gegend der Welt, ist seit drei Jahrzehnten der große Schauplatz dieser Auseinandersetzungen. Die Senke, hieß es lange, sei die "Wiege der Menschheit". Für den Zugang zu den besten Fundstätten werden Intrigen bis in die höchsten Ränge der Politik gesponnen.

Immer wieder fällt an der Bar des Hotels und am Swimmingpool der Name Tim White. Dieser White ist Professor an der Berkeley University in Kalifornien. Er sei schuld, behaupten die Wiener Expeditionsmitglieder, dass das äthiopische Ministerium für Jugend, Kultur und Sport die Genehmigung für die Grabungen nicht herausrückt. Was White bestreitet. White, meinen jedoch die Forscher aus Wien, torpediere ihr Vorhaben von seiner kalifornischen Bastion aus. Und es folgen Beschimpfungen, die man besser nicht wiedergibt.

Vorletztes Jahr gerieten Professor Seidler aus Wien und Professor White aus Berkeley zum ersten Mal aneinander. Vergangenes Jahr brach offener Krieg zwischen ihnen aus. In der Wissenschaft werden Auseinandersetzungen meist in gelehrten Zeitschriften ausgetragen, in diesem Fall auf den Seiten von Nature, Science und The Anatomical Record. Uneingeweihten fällt es freilich oft schwer, den Code zu entziffern.

Dieser Krieg hat eine lange Vorgeschichte, und sein erstes Opfer war Jon Kalb. Der Texaner, der jetzt Seidlers Team angehört, forschte bereits von 1971 bis 1978 in der Afar-Senke. In einem weißen Landrover fuhr er kreuz und quer durch das Ödland, durch ausgetrocknete Salzseen und verkrustete Lavaströme. Er identifizierte die meisten Gegenden, an denen seither die sensationellsten Knochenfunde aus den Anfängen der Menschwerdung gemacht wurden, darunter jenes Gebiet, in dem "Lucy", das 3,2 Millionen Jahre alte Skelett der "Mutter der Menschheit", und die berühmte "First Family" gefunden wurden (siehe auch Mehr Forscher als Fossilien auf Seite 10).