Die Natur ist gnadenlos. Ein Hirsch aber hat immerhin gute Chancen, dass sein bestes Stück der Nachwelt erhalten bleibt. Im Jagdmuseum Ferdinand von Raesfeld in Mecklenburg-Vorpommern hängt neben den beiden verkeilten Tieren ein Geweih, für das eine internationale Trophäenkommission 211,69 Punkte gegeben hat, und das bedeutet: Goldmedaille für den Jagdbezirk BFOA Zingst. Selbst ein Elch ist zu sehen. Eigentlich gibt es keine Elche auf dem Darß, hin und wieder kommt mal ein polnischer Irrläufer vorbei, und der Versuch des Berliner Tierparkdirektors Lutz Heck, während des "Dritten Reiches" hier Elche auszuwildern, schlug fehl. Die Elchtrophäe führt den Besucher also auf eine falsche Fährte.

Wo hat man das sonst? Kilometerlange Strände, weißer Sand, vor einem die See, hinter einem Wälder, durch die Rehe und Hirsche streifen. Frau Haase vom Landwirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern weiß: Es gibt auf dem Darß 480 Stück Rotwild und 270 Stück Damwild. Der Darß, der sich gleich hinter Rostock wie ein Haken in die See streckt, ist so etwas wie das Tafelsilber, das die DDR in die Familie gebracht hat. Doch seit geraumer Zeit gibt es in der Familie Streit: Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein stehen, um in Waidmanns Bild zu bleiben, in einer noch "unlösbaren Stangenstellung". Sie kämpfen um Touristen, und wenn sich Schleswig-Holstein nicht noch einen Coup einfallen lässt, wird es den Kampf verlieren. Natürlich hört sich das zunächst einmal gut an, wenn das BAT-Freizeit-Forschungsinstitut mitteilt, dass das beliebteste Ziel für Kurzreisen das eigene Land ist und die Ostsee mit 11,5 Prozent der Befragten an erster Stelle steht (vor Bayern und der Nordsee). In Schleswig-Holstein jedoch stagniert die Zahl der Gäste, während sie in Mecklenburg-Vorpommern kontinuierlich steigt. Im vergangenen Jahr lagen beide Länder mit 4,3 und 4,5 Millionen Besu-chern fast Kopf an Kopf.

Wer nach der Wende an der Ostseeküste von West nach Ost fuhr, bekam noch Mitte der neunziger Jahre die realen Reste des Sozialismus zu sehen, heute sieht man so eine architektonische Tristesse, wenn man von Ost nach West fährt. In Mecklenburg-Vorpommern stachen damals die wenigen renovierten Häuser ins Auge, jetzt sind es die wenigen nicht renovierten. Die Metzgerei in Born, in der der Chef noch mit gestärktem weißen Kittel bedient, ist so eine Baracke oder das alte Kurhaus in Ahrenshoop, dessen Putz nur noch von Graffiti gehalten wird. Ansonsten gibt es kaum ein Dach, das nicht neu gedeckt, kaum eine Straße, die nicht frisch geteert, kaum einen Mittelstreifen, der nicht üppig begrünt ist. Rund 700 Milliarden Euro wurden seit der Wende in den Aufbau Ost investiert, und das sieht man auch. Václav Klaus hat unlängst wissen lassen: Wäre so viel Geld in die Tschechische Republik investiert worden, könnte jeder Tscheche heute genüsslich die Beine hochlegen.

Fidel Castro war schon da

Man braucht auf dem Darß nicht viel Geduld, um einen Kranich, einen Seeadler oder einen Fischotter zu sehen oder einen Touristen, der angestrengt zum Himmel blickt. Es gibt flache Buchten, offenes Meer, Brackwasser, Dünenlandschaften und Sumpfgebiete. Als die Vereinigung mit der DDR unmittelbar bevorstand, hatten westliche Investoren und Spekulanten dieses Gebiet längst im Visier. Es wurde von der DDR-Regierung in einem der letzten Beschlüsse jedoch zum Nationalpark ausgewiesen. Die Initiative ging von dem Vizeumweltminister und Träger des Alternativen Nobelpreises, Michael Succow, aus. Er stellte die Bundesregierung damit vor vollendete Tatsachen, denn im Einigungsvertrag wurde festgeschrieben, dass von der DDR ausgewiesene Naturschutzgebiete auch von der neuen Regierung anerkannt werden müssen.

Die reizvolle Landschaft hat dennoch Platz für westliche Begehrlichkeiten gelassen. Einer der Investoren ist die Adam und Partner GmbH. Mehr als 25 Millionen Euro hat das Essener Unternehmen in den Kauf und die Renovierung des Strandhotels Fischland in Dierhagen investiert. Es war Ende der sechziger Jahre als Herberge für DDR-Minister gebaut worden, zu den ersten ausländischen Gästen zählte Fidel Castro. Der dreistöckige Plattenbau ist heute komplett entkernt, seiner Platten beraubt und zur Strandseite hin verglast. Vom alten Hotel sind nur der Marmor übrig geblieben und die stählerne Schiffswendeltreppe im Foyer. Aus den mit Pinienmöbeln stilvoll eingerichteten Zimmern streifen die Blicke über Kiefernwipfel und verlieren sich am Horizont der Ostsee. "Hier verschwinden die Grenzen zwischen innen und außen, die Stimmung ist genial", sagt der Berliner Theaterregisseur Norbert Mauk. In Schleswig-Holstein würde er keinen Ostseeurlaub machen. "Mecklenburg-Vorpommern hat die Weite, die Landschaft und die alte Bäderarchitektur."

"Qualität setzt sich durch", sagt Eckehard Adams, der als Gesellschafter des Unternehmens die Geschäfte im Strandhotel Fischland führt. In den vergangenen sieben Jahren sei die Belegungsrate der Betten von 35 auf 60 Prozent gestiegen. "Alles ohne Werbung, nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda." Und wenn Adams freundlich und selbstzufrieden von schwarzen Zahlen spricht, die das Hotel heute schreibt, liegt das natürlich auch an den Steuervergünstigungen in Ostdeutschland und daran, dass Investoren 50 Prozent der Herstellungskosten als Sonderabschreibung verrechnen konnten. Einige Firmen hatten beim Bundesvermögensamt flächendeckend eingekauft. Die Essener Schmidt Gruppe renovierte für 245 Millionen Euro 21 denkmalgeschützte Bauten. Zu den Travel-Charme-Hotels gehören das Kurhaus in Binz und das Haus am Meer in Ahrenshoop. Der Tourismus hat in Mecklenburg-Vorpommern Geschichte, die Strände haben Urlauber seit je gelockt. Dichter und Denker erholten sich auf Rügen, Kaiser und Adel auf Usedom. Das erste deutsche Seebad wurde 1793 Heiligendamm, wo in wenigen Monaten ein Luxushotel mit Resort-Charakter eröffnet wird. Die Häuser aus dem Klassizismus haben Heiligendamm den Titel "weiße Stadt am Meer" eingebracht.