Was tun, wenn der Abgeordnete kurz vor einer Ausschusssitzung betrunken im Büro auftaucht? Und darf der Parlamentarier nach einem Abendtermin noch mit dem Dienstwagen zur Tankstelle fahren und sich eine Stulle holen, oder gilt das schon als private Nutzung des Dienstwagens? Nicht gerade alltägliche Probleme, aber mit solchen Fragen müssen sich Referenten von Abgeordneten und die wissenschaftlichen Mitarbeiter im Bundestag oder in den Länderparlamenten eben auch herumschlagen.

Dass sich ihre Aufgaben nicht nur aufs Recherchieren oder das Schreiben von Stellungnahmen und Ausschussvorlagen beschränken, das lernen Studenten, die das Seminar Politikberatung als Beruf besuchen. Konzipiert haben es die beiden Dozenten Herbert Hönigsberger und Jürgen Treulieb, die langjährige Erfahrung als Politikberater im Bundestag haben. Angeboten wird das politikwissenschaftliche Seminar gemeinsam von der Freien Universität Berlin, der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder, der Universität Heidelberg und der Berliner Humboldt-Universität.

Das Ungewöhnliche an dem Seminar ist die Praxisnähe: Nach vorbereitenden Blockveranstaltungen machen die Studenten ein zweiwöchiges Praktikum im Bundestag. Dabei schauen sie den Abgeordneten und Fraktionsmitarbeitern nicht nur über die Schulter und versuchen mitzuhelfen, sondern gehen auch der Frage nach: Wie funktioniert die Politikberatung im Bundestag? Sie führen Interviews mit den Referenten und wollen herauszufinden, was einen guten Mitarbeiter und Berater ausmacht.

Die brauchen natürlich Fachwissen, Medienkompetenz und Fremdsprachenkenntnisse. Die Berater müssen Themen richtig einschätzen und sie entsprechend auf der politischen Agenda platzieren. Der Umgang mit Lobbyisten will gelernt sein. Aber auch andere Qualitäten sind gefragt: Die Abgeordneten müssen umsorgt werden. Manche brauchen vor öffentlichen Auftritten eine Stilberatung oder Nachhilfe in Rhetorik. Dabei sollten die Berater ihre Kritik feinfühlig anbringen, müssen wissen, wann die Abgeordneten am zugänglichsten für Argumente sind, wie viel Information sie auf einmal aufnehmen können. Mehr als 100 solcher Kriterien haben die Studenten bereits entwickelt. Die Liste wird jedes Semester fortgeschrieben.

Diese Materialsammlungen sind nicht das Einzige, was die Studenten produzieren. Parallel zu den Praktika und deren Vor- und Nachbereitung laufen Arbeitsgruppen, in denen die Studenten die Berufspraxis simulieren. So gibt es eine Arbeitsgemeinschaft für Öffentlichkeit, die versucht, die Presse für das Seminar zu interessieren, und eine Website erstellt. Eine andere AG entwickelt Strategien für Unternehmensgründungen in der Politikberatung. "Da liegen schon einige Start-up-Konzepte vor", sagt Herbert Hönigsberger.

"Politiker brauchen mehr Berater"

Nicht alle Studenten nehmen aber so zielgerichtet an dem Seminar teil, dass sie in der Politikberatung gleich ihre Berufsperspektive sehen. Viele wollen einfach nur das Berufsfeld kennenlernen. "Es könnte ein Sprungbrett für andere Jobs sein", meint Anja Hövelmann von der Humboldt-Universität in Berlin. Sie glaubt, dass die Kontakte und Erfahrungen darüber hinaus anderswo hilfreich sein können, beispielsweise bei Verbänden oder Unternehmen.