Ein Sommeridyll, in das Peter Ruzicka mit seiner Salzburger Eröffnungsrede eine wehe Vergeblichkeitsgeste malt. Das Netzwerk der Party- und Eventkultur, das die Festspielstätten erfasse, prangert er an; der Adel des Geldes dränge den Adel des Geistes an die Wand, der Modezar und der Honorarkonsul beherrschten die Szene. Die Salzburger Festspiele, einst als Bollwerk gegen den Ausverkauf des Abendlandes errichtet, ziehe nun selbst den Spott der Kulturpessimisten auf sich, so klagt er. Um anschließend resigniert zu fragen: "Was aber soll der Intendant tun? Soll er die Festspiele evakuieren? Soll er die Wechsler aus dem Tempel vertreiben?" Eine elegische, sehr österreichische rhetorische Figur, verschnörkelt wie die neu-alten schmiedeeisernen Zunftschilder in der Salzburger Getreidegasse. Sie macht deutlich, dass der Intendant an seinem neuen Wirkungsort angekommen ist: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist. Aber wenigstens bei seinem Amtsantritt wollte Ruzicka noch einmal den Finger in die alte Salzburger Wunde legen, auf dass all die wohlfeile Kulinarik, die ihm die beklagenswerten Verhältnisse gewiss abverlangen werden, schon vorab ein bisschen entschuldigt ist.

Aura eines Lampenschirms

Und der Künstler? Wie sieht der eigentlich zurzeit aus? In einem schwarzen knöchellangen Edelkaftan steht er dekorativ herum. Er studiert Notenblätter und durchschreitet eine erhaben gewölbte Kunstgrashöhle, in der ihm von allen Seiten rote Blütenkelche entgegenwachsen. Der Künstler ist ein sich selbst entfremdeter Wanderer im Teletubbieland. Mit seiner Musik empört er eine goldarmierte blasierte Rittergesellschaft, und irgendwann sinkt er im Kreise einer andächtigen Priesterschar entseelt und erlöst in die grünen Kunststoffhalme, ohne dass man genau erfahren hat, was diesen Schöngeist eigentlich quälte. Heinrich Tannhäuser soll das sein, Richard Wagners Künstler-Schmerzenssohn aus seiner frühen Dresdner Zeit, eigentlich ein kühner Grenzüberschreiter, Tabubrecher, heilloser Schwärmer und selbstzerstörerischer Anarchist. Aber bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen wurde er vom Regisseur und Kitschier Philippe Arlaud auf die Bühne gebracht, und der hat ihm die Aura eines formschön durchgestylten Lampenschirms verliehen.

Kaum etwas ist in dieser Neuinszenierung zu spüren von der Zerrissenheit des Außenseiters, seinen verzweifelten Suchbewegungen nach der unbedingten künstlerischen Freiheit, seinem Schwanken zwischen der unterirdischen Venus-Wollust und der überirdisch idealisierten reinen Liebe Elisabeths, seinem jähen Scheitern an der Wirklichkeit. Und nicht viel ist zu erkennen von Wagners im Tannhäuser zum ersten Mal explizit ausgearbeitetem lebenslangem Leitmotiv - dem Problem des autonomen Künstlers in einer in Konventionen erstarrten Gesellschaft. Dafür ist zum Teil auch das mäßige Sängerensemble verantwortlich. Der kraftvolle australische Tenor und Bayreuth-Debütant Glenn Winslade sang den Tannhäuser viel zu plan, mit einer kaum je die Gefühlsextreme auslotenden Brust-raus-Haltung. Die Venus, die Barbara Schneider-Hofstetter gab, offenbarte passagenweise mehr den Beißzangencharme der Wotansgattin Fricka als die betörende Verführungskraft einer Liebesgöttin, auch der Elisabeth von Ricarda Merbeth fehlte es an Empfindsamkeit. Nur Roman Trekel machte aus dem Wolfram einen musikalisch sensibel geführten, zwischen Resignation und Sehnsucht schillernden Charakter.

Viel verheerender freilich ist, dass sich der Regisseur Arlaud und seine Kostümbildnerin Carin Bartels nur für kühle geschmäcklerische Arrangements interessieren. Im Venusberg - man hat die frühe sprödere Dresdner Fassung der hitzigeren erweiterten Pariser Fassung vorgezogen - necken sich, als besondere Spielform ungezügelter Erotik, drei Grazien züchtig mit einem Silberball, und Venus lagert auf einem umgekippten antiken Torso. Der Einzug der Wartburg-Gesellschaft vor dem Sängerwettstreit wird zum bizarr luxuriösen Modedefil‚e: Wahre Kostümskulpturen in Schwarz, Rot und Gold sind da zu sehen mit spitz abstehenden Metallkegeln an den Armen (die Ellenbogengesellschaft!) und unnahbaren Brustharnischen (die gepanzerten Seelen!). Wie aparte Applikationen schiebt der Regisseur die Figuren drei Akte lang bedächtig in seiner hochgekitzelten Designerwelt hin und her, nichtssagend und leidlich schön anzuschauen. Wolfgang Wagner präsentiert seinen Festspielgästen eine modisch kaschierte Version der sattsam bekannten Alt-Bayreuther Stehparty. Im Grunde genommen schwerer Verrat an den hochfliegenden Tannhäuser-Intentionen des Ahnherrn.

Gralsblut, eingetrocknet

Aber im Orchestergraben steht Christian Thielemann. Und der soll und muss zurzeit in Bayreuth alles richten. Auf die besonderen akustischen Verhältnisse hat er sich inzwischen hervorragend eingestellt. James Levine oder Daniel Barenboim schwelgten oft eine Spur zu sehr im diffusen Mischklang des Hauses. Thielemann achtet bei aller Weichheit, die auch bei ihm die Orchesterfarben haben, auf einen gefasst voranschreitenden und genau ausdifferenzierenden Interpretationsduktus. Dennoch tendieren bei ihm die Bayreuther Tempi zur Breite. Immer wieder gelangen ihm atemberaubende, bis ins äußerste Pianissimo zurückgenommene Passagen und wunderbare Abschattierungen im Bläserklang. Die Ouvertüre baute sich mit einnehmender Ruhe und Kantabilität auf. Eine nie abreißende Spannung legte er über den gesamten dritten Akt, wie überhaupt sein getragen lyrischer Ton am stärksten wirkte. Demgegenüber vernahm man einige - bei Thielemann nicht seltene - Durchhänger eher mäßig inspirierter Kapellmeisterroutine. Den Einzug der Festgesellschaft im zweiten Akt dirigierte er pauschal, auch beim Sängerkrieg sackte der Nachdruck in seiner Interpretation unüberhörbar weg. Und trotzdem war die Tannhäuser-Premiere ein weiterer (von einigen wütenden Buhs begleiteter) Triumph des Dirigenten. Dass allerdings viele Wagnerianer bereits glauben, das eingetrocknete Gralsblut am Grünen Hügel verflüssige sich und beginne zu leuchten wie nie, nur weil Thielemann im Orchestergraben steht, ist reine Halluzination. Der Erlöser aus der Bayreuther Agonie ist er gewiß nicht.