Das Unglück kam schrittweise ans Licht. Seit März vergangenen Jahres fielen dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte schwere Nebenwirkungen im Zusammenhang mit dem Cholesterinsenker Lipobay auf. Die Muskeln mancher Patienten lösten sich unter der Lipobay-Therapie einfach auf, was mitunter tödlich war. Lipobay-Produzent Bayer fand heraus, dass die Gefahr besonders bei gleichzeitiger Einnahme eines anderen Medikaments bestand. Im Juni warnte Bayer alle Hausärzte. Nach einer Konferenz mit der amerikanischen Arzneimittelbehörde nahm Bayer am 8. August seine Milliarden-Dollar-Goldmine Lipobay überraschend vom Markt. Im Januar 2002 trat Bayers Pharmaziechef David Ebsworth zurück.

Ein Jahr nach dem Desaster ist die offizielle Zahl der Lipobay-Opfer 104. Mehr als 1000 Angehörige - auch aus Deutschland - wollen in den USA noch in diesem Jahr klagen. Ihr Vorwurf: Bayer habe früh von den Nebenwirkungen gewusst und die Betroffenen zu spät informiert.

Auch bei der Behandlung mit anderen Cholesterinsenkern, den so genannten Statinen, starben schon Menschen - allerdings sehr viel seltener. Doch das Lipobay-Unglück beeindruckte die Kundschaft nicht im Geringsten. Sie nahmen eben andere Statine. Was Bayer verlor, gewann der Konkurrent Pfizer dazu.

Auf 16 Milliarden Dollar wird der Statinmarkt taxiert. Es sind die meistverkauften Medikamente überhaupt. So umkämpft ist die Szene, dass die Analysten von Statinkriegen sprechen. Jetzt versprechen Studien, dass selbst Menschen mit einem Risiko für Herzleiden, die gar keinen erhöhten Cholesterinspiegel haben, von Statinen profitieren. Wenn 10 Millionen Menschen mehr ein Statin nähmen, rechnen die Forscher vor, könnten jedes Jahr 50 000 Leben gerettet werden.

Wer als Pharmaunternehmen jetzt noch kein Statin im Regal hat, holt dies schleunigst nach. AstraZeneca setzt auf Rosuvastatin. Ausgerechnet unter dem Namen Crestor - eine Schweizer Schokolade heißt Cresta - soll das Statin den Markt aufrollen. Aber die Zulassungsbehörden prüfen nach dem Lipobay-Desaster akribisch die Sicherheit. Vergangene Woche wurden bei Crestor plötzlich zwei Fälle von Nierenversagen ruchbar. Wie es aussieht, war die Testdosis zu hoch angesetzt.

Und was macht Bayer? Bloß keine Cholesterinsenker! Die Leverkusener setzen auf Vardenafil, eine Erektionspille.