Unschuldig wollen sie sein: ohne Verantwortung, ohne Ziel. Als sei alles noch möglich, als lägen alle Erwartungen und deren Enttäuschung noch vor ihnen. Aber tatsächlich sitzen Martina Hefters Figuren schon lange nicht mehr in den Startblöcken ihrer Biografie. Die meiste Zeit fahren sie Taxi durch Leipzig. Sie streunen umher wie heimatlose Hunde, kommen kaum über die Stadtgrenze hinaus, kurven immer im Kreis. Sie wissen nicht, warum sie nicht woanders sind. Helen, beispielsweise, strandet mehr in Leipzig, als dass sie ankommt, nimmt das nächstbeste Taxi und sinkt kraftlos in dessen weiche, behütende Sitze. Vinz chauffiert die junge Frau durch die Stadt - und verliebt sich in sie. "Ich hätte ewig so fahren können", denkt Helen, die sich bei einer Leipziger Schule bewirbt, um Choreografin zu werden. Gefahren werden, aber sich selbst nicht bewegen; vorankommen, ohne sich zu verändern, danach sehnen sich Martina Hefters Helden.

Die 1965 geborene Autorin erzählt in ihrem Debütroman Junge Hunde die ewige, immer wieder wundersame boy meets girl-Geschichte. Dass diese im Osten des Landes und gut zehn Jahre nach der Wende passiert, dass Hefter kleine Reminiszenzen an den Mauerfall einstreut, macht keinen Wenderoman aus diesem Buch. Junge Hunde ist ein zurückhaltendes und deshalb überzeugendes Debüt. Martina Hefter hascht nicht nach Effekten, fischt nicht in den Untiefen der Seelen. In diesem Roman ist alles etwas karg - und deshalb glaubwürdig. Die Küsse, die Liebe, der Sex, die Begeisterung - alles köchelt auf Sparflamme, beinahe unbemerkt, selbst von den Beteiligten. Als ob sie ein Zuviel fürchten, denn das Leben könnte, intensiv empfunden, ja wehtun.

Hefters Figuren treffen sich zufällig im Taxi oder auf einer Party; sie verfehlen sich im Schwimmbecken des städtischen Hallenbades oder kommen Stunden verspätet zu Einladungen. Sie verspüren Sehnsucht nach Nähe, aber meiden sie wie feurige Quallen. Sich bloß nicht aufdrängen, ja keine Sehnsucht preisgeben. Als Fruehling, Vinz' bester Freund, auf zu dünnem Eis einbricht und an den Folgen der Unterkühlung stirbt, plagt sich Vinz mit Schuldgefühlen, weil er Fruehling nicht gezwungen hat, sofort in die heiße Badewanne zu steigen, weil er nicht ausreichend für den Freund gesorgt hat. Er wünscht, seine Mutter wäre dagewesen und hätte alles geregelt. Vinz verharrt in seinem sicheren Taxi, kurvt durch die Stadt, um nichts anderes machen zu müssen. Helen dagegen ist der Bewegungen müde geworden. Sie ist das Tanzen leid. Immer wieder die gleichen Figuren, "wie ein Tanz-Zombie".

In Junge Hunde bewegen sich vor allem die Züge vorwärts, reisen die Linienbusse, fliegt der Rettungshubschrauber, treiben Kähne dahin, surren Rolltreppen, aber alles Lebendige steht still: Selbst das Wasser im Karl-Heine-Kanal scheint nicht zu fließen. Martina Hefter schickt ihre Protagonisten auf die Suche. Er sucht sie, sie ihn, ein jeder sich selbst. Sie treffen sich, aber finden einander nicht. Vorsichtige Bewegungen heißt so auch eines der letzten Kapitel, das Leitmotiv dieser Geschichte. Martina Hefters Figuren sind Einzelgänger, die nur so tun, als seien sie einander nah. Das beschreibt die Autorin in einem knappen, sachlichen Tonfall. Ihre Sprache ist präzise, kein Wort zu viel, keine Emotion überstürzt. Die im Allgäu Geborene gibt sich kühl-distanziert nicht gegenüber ihren Figuren, sondern in ihrer Erzählhaltung, ihre Prosa besitzt eine Eleganz, die nicht glänzen, eine Reife, die nicht abgeklärt wirken will.

Martina Hefter: Junge Hunde
Alexander Fest Verlag, Berlin 2001; 135 S., 14,90 €