Wer Medizin studieren will, muss Latein lernen. Denn in der ärztlichen Zunft werden seit je Gliedmaßen, Organe, Krankheiten oder Pülverchen fachsprachlich mit medico-lateinischen Ausdrücken benannt. Zu diesen Ausdrücken zählt auch aut idem, was schon bei Cicero "oder das Gleiche" bedeutete. Ärzte verwendeten den Ausdruck dazu, Apotheken aus der Klemme zu helfen: War das verschriebene Medikament nicht vorrätig oder nicht zu beschaffen, so konnte ein anderes Mittel abgegeben werden, das die gleiche Wirkstoffkombination enthielt - aut idem eben.

Zur Kostendämpfung kam man vor einiger Zeit auf die recht vernünftige Idee, die Ausnahme zur Regel zu machen. Die Apotheke durfte ein billigeres Präparat jedoch nur dann abgeben, wenn der Arzt dies auf dem Rezept ausdrücklich zugelassen hatte - durch Ankreuzen eines Kästchens vor den Worten aut idem.

Ob es Schreibfaulheit, Sturheit oder wissenschaftliche Überzeugung war, was viele Ärzte davon abhielt, das Kästchen anzukreuzen, bleibt bis heute rätselhaft. Ohne dieses Kreuzchen aber konnten Apotheken die billigeren Präparate nicht abgeben. Der Gesundheitsministerin missfiel dieser Umstand.

Sie sann auf einfache Abhilfe.

Das geschilderte Problem hätte sich einfach lösen lassen: Man hätte das Kästchen auf den Rezepten weglassen können, mit der Verfügung, dass ein teureres Präparat nur verabreicht werden darf, wenn der Arzt dies ausdrücklich auf dem Rezept vermerkt. Man hätte den Ausdruck aut idem durch non idem ersetzen können. Der bedeutet, das verstehen sogar Leute ohne Latinum, "nicht das Gleiche".

Aber eine deutsche Behörde hängt an ihren Formularen, und so fand das Ministerium eine wunderbare Lösung: Was jahrhundertelang eine ganz bestimmte Bedeutung hatte, soll fortan genau das Gegenteil bedeuten. Wenn der Arzt nur die Abgabe des von ihm verordneten Medikaments zulassen will, kein anderes oder billigeres, dann muss er seit dem 1. Juli 2002 das Kästchen aut idem ankreuzen - dasselbe Kreuz, mit dem er bisher zum Ausdruck brachte, dass es auch ein anderes Medikament tut. Dieser Unfug ließ selbst den stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Generikaverbandes, Werner Fasching, in einem die Neuregelung erklärenden Artikel für Apothekenpersonal den folgenden Nonsens produzieren: "Wenn der Arzt nicht durch Ankreuzen des Aut-idem-Feldes auf dem Rezeptvordruck ... kenntlich gemacht hat, dass er Aut-idem und damit die Substitution ausdrücklich ausschließt, so gilt Aut-idem."

In Deutschland wird demnächst gewählt. Der Wähler muss durch Ankreuzen hinter dem Parteinamen kenntlich machen, welche Partei er wählt. Ärzte und Apotheker - vor allem solche, die eine Veränderung der Gesundheitspolitik wünschen - seien hiermit gewarnt: Anders als in ihrem täglichen Leben seit dem 1. Juli 2002 bedeutet ein Kreuzchen hinter, sagen wir, der SPD auf dem Wahlzettel gerade nicht, dass man sie auf keinen Fall wählen möchte.