ER", sagt Michele, plötzlich, in die von Zikaden zerrissene Stille Kalabriens, "ER macht uns alle kaputt!" - "ER?" - "Berlusconi", sagt Michele, der über 80 ist und einmal Küster von Crosias Kirche war. "Warum haben Sie ihn dann gewählt?" - "Wir haben ihn alle gewählt." - "Aber warum?" - " ... der ganze Süden hat ihn gewählt." - " ... pah, seine Freunde haben ihn gedrängt", sagt Chiara, Micheles Frau, "bis zuletzt hat Michele geschwiegen, und dann hat er ihn doch gewählt." - "Warum", fragt man, "warum hat gerade der Süden Berlusconi gewählt?" - "Er macht uns alle kaputt", sagt Michele, der denkt, was viele im Dorf denken, der klagt, dass seine Söhne, dass alle Söhne des Südens fortgegangen sind in den reichen Norden, nach Mailand, Turin, Genua, und dass das kleine, hügelhohe, kalabrisch herzliche Crosia fast ausgestorben wäre, wenn viele Jahre vor der Ära Berlusconi die Madonna nicht geweint und dieses Wunder nicht jährlich Tausende Pilger nach Crosia gezogen hätte.

Am Ende einer Reise durch ein Land im Umbruch wird die Begegnung mit Michele Ranieri stehen, mit seiner Frau Chiara und der Schwägerin Carolina, die früher auf den großen Feldern Oliven pflückte und nun Padre-Pio-Porträts stickt. Denn Michele und Chiara und Carolina sind das Volk, und sie verbringen ihr Leben droben in Crosia, mit Blick auf das Ionische Meer, neben 600 anderen in einem Dorf des Südens, in der Hoffnung, Ministerpräsident Berlusconi werde dem Land neues Heil bescheren, er hat es doch versprochen!

Am Ende der Besichtigung jenes gesellschaftspolitischen "Laboratoriums Europas", wie man Italien früher nannte und heute noch nennen kann, erhebt sich die Erkenntnis, dass nach einem Jahr Amtszeit der Regierung Berlusconi der norditalienische Unternehmer Fabio Padovan mit dem süditalienischen Bürgermeister Pasquale Senatore nichts zu tun haben will, dass Senatores junger Assistent Luigi Mezzi mit großer Geste den Faschismus verteidigt und Bürgermeister Giancarlo Gentilini aus dem w ohlhabenden Treviso wegen Rassismus verurteilt wurde.

"Alle haben hier Steuern hinterzogen, um zu überleben"

Die Tauben Trevisos finden keine Krume, keinen Brösel. Dünn sind sie und gut erzogen. Sie klagen nicht. Schwirren sodann herunter auf die Piazza dei Signori. Beginnen ihr trauriges Tagewerk. In den Ritzen des Kopfsteinpflasters verweilt nichts außer gepresstem Staub. Unter den Tischen der Pizzeria da Pino liegen nicht einmal Kippen. Schon müssen sie fliehen, die Stadtreinigung rückt heran. Die Tauben Trevisos flattern hoch, während schwarzhäutige Männer in Orange zu fegen beginnen. Fliegen fort in die Arkaden und Passagen gegenüber. Dort tropft Schaum von frisch geputztem Schaufensterglas auf den Boden. Ladenbesitzer schrubben die Marmorkonsolen.

Kopfsteinpflasterkarrees werden ausgebessert, leise Schläge. Es ist früher Morgen. Das Leben einer gemeinen Taube in Treviso ist gnadenlos, denn Treviso ist eine der reichsten Städte Italiens. Tauben tragen nichts zum Wohlstand bei. So ist die Ordnung der Dinge. Die harte Hand. Der neue, alte, vererbte Pragmatismus. Österreichisch-ungarisches Kulturerbe. Die Krawatte sitzt exakt. Das ist Treviso. Treviso ist der Norden Italiens. Berlusconi-Land.

Crotones Himmel ist gepunktet, dann gestrichelt, dann gerastert, schließlich sieht man die kleinen, strammen Körper, Tausende von ausgelassenen Tieffliegern, um Dächer, Giebel und Mauerwerk der Häuser flatternd, die, im Licht des Südens, ein zartes Ocker, ein sinnliches Umbra, ein warmes Siena annehmen, Vögel des Ionischen Meeres, deren spitzes Geschrei in den Gesang der Zikaden einstimmt, dort, wo sich das große Griechenreich einst erhob und seit fünf Jahren die Kommunisten verjagt sind, weil der Bürgermeister das Land befreien musste von den roten Teufeln.