Max und Moritz. Die fromme Helene. Plisch und Plum. Hans Huckebein, der Unglücksrabe. Balduin Bählamm. Maler Klecksel. Titel sprechen Bände und sind, wenn man sie hört oder liest, Zeugen für Generationen von Belustigungen, für einen ewigen Vorrat von komischen Bildern und kategorischen Knittelversen.

Sie gehören zum deutschen Kunsthaushalt (ein Ordnungsname, den Martin Warnke den Richters, Spitzwegs, Thomas et cetera. gegeben hat) genauso wie zur deutschen Kinderstube. In dieser haben sich natürlich längst die global-virtuellen Nachkommen des Junggesellen aus Wiedensahl, Niedersachsen, die Comiczeichner breit gemacht. Ist Wilhelm Busch deshalb zu einem Stück aus dem Erinnerungshaushalt geworden?

Das kann man nicht sagen. Im Internet gibt es eine Busch-Zitatenbank mit 200 Eintragungen. Und alle Jahre wieder wird Buschs Personal an die Briefmarkenfront geschickt. Erst im vergangenen Jahr klebte der Lehrer Lämpel auf dem Standardbrief mit lang erhobenem Zeigefinger und der Maxime: "Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss. Lernen kann man, Gott sei Dank, aber auch sein Leben lang!" So steht's gedruckt zum Preis von 0,56 Euro. Ohne Angabe des Autors/Zeichners. Die Leser von Max und Moritz aber erinnern sich, dass der Lehrer Lämpel zum vierten Streich der bösen Knaben gehört. Und wundern sich über den postalischen Texteingriff. Denn vom lebenslangen Lernen ist in der Geschichte nicht die Rede, wohl aber vom ABC, den Rechnungssachen, und schließlich folgt, als Krönung, die Maxime: "... sondern auch der Weisheit Lehren muss man mit Vergnügen hören."

Der Verfasser dieses Satzes hat im Alter von 15 Jahren Kants Kritik der reinen Vernunft gelesen. Und sich als junger Mann durch intensive Lektüre Arthur Schopenhauers prophylaktisch zum Pessimisten ausgebildet. "Jedes legt noch schnell ein Ei. Und dann kommt der Tod herbei." So erging es den Hühnern der Witwe Bolte, die dem Zweiten Streich der bösen Buben Max und Moritz zum Opfer fielen. Bei Busch wird bekanntlich viel und wohlverdient gestorben.

Die Blumen des Bösen

Wilhelm Busch, die Sphinx aus Wiedensahl oder der Mann für alle Fälle? Hier ein feierliches Gedicht auf den Genius Schillers, dort eine wunderbare Ballade über die Erfindung des Kräuterschnapses namens Dorenkat. Alles, was man von diesem Sonderling und Sonderfall sehen und lesen und alles, was man über ihn lernen und erfahren kann, ist in dem schönen Wallmodenpalais aufbewahrt, das als Museum seinen Namen trägt und im Herrenhauser Park in Hannover steht. Zum 170. Geburtstag des geistigen Hausherrn und in renovierten Räumen hat man dort jetzt, gruppiert um die Stationen von Buschs Leben, einen Querschnitt durch das Werk ausgelegt. Geboren 1832 in Wiedensahl, aufgewachsen bei seinem Onkel, der Pfarrer war in der Nähe von Göttingen, begann Busch, dem Wunsch der Familie folgend, mit 16 Jahren Maschinenbau zu studieren. Nach acht Semestern gab er auf und wollte sich an der Akademie von Düsseldorf, dann in Antwerpen und schließlich in München zum Maler ausbilden lassen. Wobei er, obwohl man ihn in der Münchner Kunstszene freundschaftlich aufnahm und er in Franz von Lenbach einen ihm zugewandten Kollegen fand, das Ziel, mit diesem Metier den Lebensunterhalt zu verdienen, ohne inneren oder äußeren Protest nach dem dritten Anlauf aufgab. Erst 1968 und noch einmal 1982 wurde Busch, der Maler, ans Licht der Öffentlichkeit gebracht. Das ehrfürchtige Staunen war groß, erklärt sich aber auch dadurch, dass hier Max und Moritz-Leser vor Bildern standen, die eine Aura von guter Stube oder Landesmuseum verbreiteten.

Seit diesen Ausstellungen hat es immer wieder Versuche gegeben, Wilhelm Busch in die Geschichte der modernen Malerei zu integrieren, posthum und quasi gegen seinen eigenen Willen. Was löblich ist. Aber einige locker und alla prima gemalte Interieurs oder mit expressionistischem Gestus hingesetzte kleine Landschaften machen ihn wohl kaum zum Vorläufer von Kandinsky. Wilhelm Busch selbst hat nie Avantgarde-Ambitionen gezeigt oder artikuliert. Er hat sich, im Gegenteil, mit seiner leidenschaftlichen Entscheidung für die alten Niederländer selbst diesen Weg verstellt (die Ankunft in Antwerpen bezeichnete er einmal als seinen zweiten Geburtstag und fügte später hinzu, dass er aus seiner "niederländischen Haut" nicht mehr herauskönne).