Manchmal, wenn das Leben ganz unerbittlich in eine Einstellung gezwungen wird, wenn der Rahmen des Bildes die Welt wie eine Schraubzwinge umschließt und ein Regisseur im Zuschauer nur noch den Voyeur seiner vorgefassten Ansichten sieht, kann das Kino ein Ort der Zumutung sein. Ulrich Seidl ist ein Regisseur der Zumutungen, weil er Österreich als ein degeneriertes, hässliches, menschenfeindliches Land zeigt. Ein Land, in dem hässliche Menschen leben, die nicht miteinander sprechen, und wenn sie es doch tun, dann, um sich hässliche Dinge zu sagen. Es ist ein Land der endlosen Einfamilienhauslandschaften und anonymen Einkaufsmärkte, der Schnellstraßen und riesigen Parkplatzflächen. Im Grunde ist Österreich für Seidl eine riesige Vorstadt, die sich endlos ausdehnt, bis sie die dazugehörige Stadt und damit auch jeden Stadtgedanken auf immer verschluckt hat. Aus dem vorstädtischen Dasein erwachsen nur die fürchterlichsten Zustände, die das menschliche Zusammenleben zu bieten hat - unüberwindliche Sprachlosigkeit, Aggression, dumpfe Gewalt.

Sex als mechanisches Geruckel

Ulrich Seidls Spielfilm Hundstage ist eine faszinierende Zumutung, weil er die Endzeitstimmung seiner Vorstadt an einer strengen Künstlichkeit bricht.

Zum Beispiel indem er die die eingeölten Kleinbürgerkörper in ihren Liegestühlen wie geometrische Anordnungen filmt, wobei die fahl schimmernden Menschen eher toten Fischen gleichen. Messerscharf heben sich die grellweißen Fassaden der Einfamilienbunker und ihre giftgrünen abgezirkelten Rasenflächen vor dem blauen Himmel ab - so als habe es einen somnambulen Edward Hopper in die seelenlose Vorstadt verschlagen.

Unwirtlichkeit und Entfremdung sind die in ihrem Erklärungswillen so ausgehöhlten wie altmodischen Floskeln, die einem bei solchen Szenarien normalerweise in den Kopf schießen. Seidls Leistung besteht darin, dass er trotzdem versucht, diesem Zustand nie gesehene Bilder abzutrotzen. Seine Vorstadt ist der erstarrte Endzustand einer Gesellschaft, die nur noch mit der Sicherung des eigenen Besitzes beschäftigt ist. Geschichtslos, autistisch, mit nach innen gerichtetem Blick. Ein riesiger Kleinbürgerfriedhof, der in der eigenen Saturiertheit still vor sich hinbrät.

Ohnehin braten alle in diesem Film, denn es sind die heißesten Tage eines hundsmäßig heißen Sommers.

In Bewegung geraten die Vorstadtkörper nur beim Sex. Seidl filmt ihn als mechanisches Geruckel, eine einsam zu zweit ausgeführte Handlung, von der man allenfalls ahnt, dass sie irgendwann mal etwas anderes bedeutet haben muss.

 

Jedenfalls hat es eine gewisse Logik, dass die Gruppensexorgie, mit der dieser Film beginnt, irgendwo in den Kellerräumen eines Einkaufszentrums stattfindet. Nach dem geschäftsmäßig vollzogenen Austausch von Sekreten können die Geschäfte auch anders weitergehen, und ob der Masseur später noch für ein bisschen mehr bezahlt wird, ist auch egal.

In der milchigweißen Hitze wandeln die Vorstadtmenschen durch fein parzellierte Lebensarrangements, jedes für sich ein Stillleben. Ein Mann und eine Frau bewohnen zwar dasselbe steril gekachelte Haus, benutzen dasselbe Bad, dieselbe Küche, doch ohne je miteinander zu sprechen. Während er die Zeit mit verbissenen Sportübungen totschlägt, treibt sie es mit einem Besucher. Irgendwann legen beide nacheinander Blumen an einem kleinen Kreuz am Rande der Schnellstraße nieder. Vor dem Haus steht immer noch die unbenutzte Kinderschaukel.

Noch mehr Stillleben, weitere Monaden: Ein einsamer Rentner beschäftigt sich tagein, tagaus mit der Pflege des Gartens und den Zurechtweisungen seiner Haushaltshilfe. Ein Mädchen wird Opfer der unkontrollierten Wutanfälle seines proletenhaften Freundes. Eine Lehrerin lässt sich ohne nennenswerten Widerstand von ihrem Liebhaber quälen. Einziges Bindeglied dieser uhrwerkhaft ablaufenden Passionsgeschichten ist ein schmieriger Verkäufer von Überwachungskameras und Alarmanlagen, der den Vorgärten seine Aufwartung macht - über allem liegt eine seltsame, stickige Stille.

In ihrer Zusammenballung bekommen Seidls Episoden den Charakter einer zivilisationskritischen Beweisführung, deshalb wirken die Figuren manchmal nur wie lebende Indizien der apokalyptischen Weltsicht ihres Regissseurs.

Einmal schaut die Kamera minutenlang zu, wie eine Frau von ihrem Freund und einem mitgebrachten Kumpel gedemütigt, mit Alkohol bespuckt, geschlagen und mit glühenden Zigaretten verletzt wird. Wie andere Szenen auch filmt Seidl den sadomasochistischen Horrorabend aus leicht erhöhter Perspektive, als schaue er auf die Wirklichkeit hinab, die er auf der Leinwand doch selbst produziert hat. Dann scheinen seine Bilder nicht der Beobachtung des banalen Vorstadtalbtraums zu entstammen, sondern einem vorgefertigten Arrangement.

Etwas unverhofft Menschliches

In solchen Momenten nimmt der Film seine eigenen Opfer in Kauf, künstlerische Kollateralschäden, wenn man so will. Es sind Figuren, die auf der Strecke bleiben, weil sie die Last, die ihnen der Regisseur auf die ohnehin schon gebeugten Schultern inszeniert, ganz allein tragen müssen. So wirkt die blau geschlagene Lehrerin, die am Morgen danach mit dicken Augenlidern auf ihren Balkon schleicht, wie ein hilfloses Wesen, das gerade die diabolische Versuchsanordnung eines Regisseurs überlebt hat. Warum Seidls Blick auf die zerstörte Frau, auf den Rentner, der seinen vergifteten Hund beweint, oder auf das junge Mädchen, das von seinem Freund aus dem Auto geprügelt wird, auch etwas Penetrantes hat, ist nicht so einfach zu erklären. Vielleicht ist da einfach das unbestimmte Gefühl, dass Österreich nicht an allem schuld sein kann.

 

Manchmal flackert hinter den einbetonierten Vorgärten noch etwas unverhofft Menschliches auf. Vielleicht ist es nur mehr ein leerer Reflex, der die Zuneigung des Rentners am Hochzeitstag von seiner verstorbenen Frau auf die Haushälterin umleitet. Im Blümchenkleid der Toten kocht sie saftigen Schweinebraten, sucht im Garten versteckte Geschenkpakete und legt für den alten Herrn einen nett choreografierten Strip hin. Mag sein, dass sich die beiden hinter heruntergelassenen Rollos in einem gespenstischen Rollenspiel eingenistet haben, aber ihren Spaß haben sie trotzdem.

Ohnehin scheint das Vorstadtgefühl noch nicht alle erfasst zu haben. Es gibt sie, selbst bei Seidl, die kleinen Fremdkörper, die noch nicht eins geworden sind mit der einförmigen Bewegung zwischen Autobahnabzweigung, Gefrierfleischtheke und Garageneinfahrt. Eine verrückte junge Tramperin zum Beispiel, die ziellos irgendwelche Autofahrer anspricht. In enzyklopädischen Reihungen beschwört sie die Warenförmigkeit des Lebens und bedrängt ihre wechselnden Chauffeure mit der eigenen Vergänglichkeit. In einem Atemzug beschwört sie die beliebtesten Automarken, Fernsehmoderatorinnen, Schlagersänger, die meistgekauften Süßigkeiten und erfolgreichsten Einkaufszentren und wirft ihrem Gegenüber gleichzeitig Fettleibigkeit und Faulheit vor, exzessiven Fleischkonsum und schiefe Zähne. Zwanghaft geht sie allen auf die Nerven, aber mit ihrer eruptiven Rede stößt sie die Menschen auch auf ihre verdrängte Körperlichkeit, spricht von Sex, Inkontinenz und den Zeichen des Alterns.

Die Verrückte ist zugleich die gnadenlos konsumistische Seele der Vorstadt und ihr schlechtes Gewissen, sie ist der Tor, der die Wahrheit spricht, und ein bemitleidenswertes Wesen, das die eingehämmerte Werbung permanent wieder auskotzt. Seidl wird ihr das Schlimmste antun, was in diesem Film einer Figur widerfährt, aber sie lässt sich nicht unterkriegen. Auf ihre kindliche Art bleibt sie ein wirrer Wanderer und Störfaktor zwischen Großparkplätzen und Reihenhäusern. So lange es die Vorstadt gibt, wird es wohl auch die Verrückte geben. Und das hat in diesem abstoßenden, hässlichen, einzigartigen Film etwas ungemein Tröstliches.