Doch, was kaum einer weiß: Hätten sich die Wünsche etlicher Industriekapitäne erfüllt und die Träume fortschrittsgläubiger Ingenieure, dann wäre der Bodensee eine Dependance des Ruhrgebiets geworden, dann bestimmten heute riesige Werksanlagen und Industriehäfen das Bild. Selbst der romantischste aller romantischen mitteleuropäischen Wasserfälle, der Rheinfall von Schaffhausen, wäre längst eliminiert - gesprengt, der Felsen abgetragen, der Rhein kanalisiert.

Der Traum oder besser Alptraum einer umfassenden Industrialisierung des Bodenseeraums blieb rund 150 Jahre lang aktuell, und immer wahnwitzigere Projekte gaben der Debatte stets neuen Auftrieb. "Unsere Zeit steht im Zeichen der Kanäle und der Schiffbarmachung der Flüsse. Warum sollen wir am Bodensee nicht auch unsere kühnen Wünsche erheben und unsere Ansprüche, wo alles ruft?", schrieb ein Kommentator der Konstanzer Abendzeitung im Jahr 1904.

Kühn waren die Wünsche in der Tat: Eine durchgehende Großschifffahrtsstraße von Basel bis zum Bodensee war das Ziel. Sie sollte den rückständigen, längst abseits großer Bahnlinien liegenden badischen, bayerischen, österreichischen und schweizerischen Ufergemeinden endlich die ersehnte Industrialisierung bringen. Fortschrittspoetisch verklärten die Herausgeber des Bodensee-Handbuchs für Segler, Motorbootfahrer und Wanderruderer aus dem Jahr 1912 selbst die zu erwartenden Nebenfolgen der neuen Ära: "Schon steht in greifbarer Zukunft der Weg zum Meere offen. Aus den rauchigen Tiefen des Niederrheins dringt die Großschiffahrt bis zum Fuße der Alpen vor. Bald werden die langen Rauchfahnen der Schleppzüge mit zum Bilde des Bodensees gehören."

Chemiewerke, endlose Kaimauern, ein Großflughafen im Ried

Wo heute Naturschutzgebiete europäische Diplome tragen und Millionen Menschen ihr Trinkwasser aus dem See beziehen, sollten Chemiewerke, gigantische Industriehäfen, endlose Kaimauern und ein internationaler Großflughafen mitten im Ried entstehen, der riesigen Wasserflugzeugen der Dornier-Werke Starts und Landungen mit Seeanschluss ermöglicht hätte.

Am Beginn all dieser uns heute geradezu apokalyptisch erscheinenden Visionen stand allerdings ein ganz anderes, schwerwiegendes Problem: Seit Jahrhunderten sucht das Hochwasser, die "Wassernoth", die Menschen am Bodensee heim. Vor allem im Frühjahr schwillt der Alpenrhein an, schwemmt Geröll und Tausende geknickter Baumstämme in den See, im schweizerischen Ermatingen schwimmen Felchen und Hechte durch die gute Stube der Fischerfamilien, und fruchtbares Schwemmland verschwindet unter fauligem Wasser. Die Klosterinsel Reichenau, gerade von der Unesco zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt, ist nur noch mit dem Boot oder per Bundeswehrlaster zu erreichen, weil der Insel-Damm überflutet wird, und der Schaffhauser Rheinfall schäumt, als ob er dem Himmel den Regen übel nähme.

Den zahlreichen Überschwemmungen vor allem während der klimatischen "Kaltzeit" zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert folgten häufig verheerende Hungersnöte, weil Regen und Flut die Ernte verdorben hatten. Nach dem Hochwasser 1817 beispielsweise aßen die Menschen in den schweizerischen Seekantonen aus Verzweiflung Gras, und vor den Schlachthäusern prügelten sich Hungernde um stinkende Schlachtabfälle. Das Hochwasser des Jahres 1868 schließlich riss gar die Toten aus ihrer Ruhe: Der tobende Rhein spülte Friedhöfe hinweg, Särge und halbverweste Leichen tanzten auf den Wellen.