Die Marktwirtschaft konnte in ihrer Anfangszeit auf Verhaltensnormen aufbauen, die durch das reformierte Christentum bereitgestellt waren. Fred Hirsch hat in seinem Buch Soziale Grenzen des Wachstums (Hamburg 1980) darauf hingewiesen, wie diese religiös gestützten Normen durch die Verallgemeinerung der Verhaltensweise des Homo oeconomicus zunehmend zerstört werden. Säkularisierung, Individualisierung und Abbau traditioneller Verhaltensweisen lassen eine Lücke entstehen, die vom "Marktsystem ... auf dieselbe Weise gefüllt wird, wie sie das generell tut". Verhängnisvollerweise vernichtet sie aber auf diese Weise ihre eigenen Fundamente. Kenneth Arrow hat in Gift and Exchanges, Philosophy and Public Affairs (1972) den Zerstörungsprozess am Beispiel des Richters beschrieben. Dabei antizipiert er das Resultat des Privatisierungsprozesses, wie er im Gange ist: "Wenn Richter regelmäßig ihre Dienste und Entscheidungen an den Meistbietenden verkaufen sollten, würde nicht nur das System der Gerechtigkeit, sondern auch das des Eigentums gänzlich instabil." Wenn "nämlich alles privat angeeignet werden kann, einschließlich der Richtersprüche, dann kann nichts angeeignet werden - denn wer bewahrt das System vor dem ersten Unternehmer, der in der Lage ist, genügend Kredit aufzunehmen, um nicht nur den Richter, sondern über diesen auch alles andere zu kaufen"? Nur weil ein rein individual-ökonomisches Verhalten, typisch für die Marktwirtschaft, bisher nicht universell geworden ist, wird diese Marktwirtschaft gesichert. Hirsch folgert: "Ein Mindestbestand an gesellschaftlichen Pflichten (gemeint ist Pflichtgefühl) ist deshalb unverzichtbar. Das Problem besteht darin, diese soziale Verantwortung mit der Gegenströmung des Marktethos zu vereinbaren."

Belehrt durch die Watergate-Affäre, fügt Hirsch zu dem Beispiel der Richter das der Politiker hinzu. Dabei ergibt sich allerdings ein Problem für das demokratische Prinzip der moralischen wie sozialen Gleichheit. Für einige Berufe wie den des Politikers, auch den des Arztes müssen offenbar spezifische Verhaltensnormen gelten, eine Art Berufsethos, das sich von den für "Normalbürger" ausreichenden Normen unterscheidet. Während der private Marktteilnehmer allein seinem individuellen Interessenkalkül folgen darf und damit ohne moralische Anstrengung für das durch den Markt garantierte soziale Optimum sorgt, reicht das für Richter, Politiker, Ärzte nicht aus. Für den Normalbürger mag die Absicherung seiner Vertragstreue durch die Aufsicht des Staates genügen, Politiker brauchen ein zusätzliches Berufsethos, das sie vor der Dominanz wirtschaftlichen Interessendenkens bewahrt.

Nun könnte man gegen Hirschs Thesen zwei Einwände erheben, die aber nicht ausreichend stark sind. Einmal könnte man behaupten, dass der Konkurrenzkampf der Parteien unter den Augen der Öffentlichkeit ausreicht, um (vermutlich fehlende) moralische Motivationen zu ersetzen. Zum anderen könnte man die bedrohliche Zukunftsvision von Kenneth Arrow dadurch widerlegen, dass man auf funktionierende Maßnahmen zur Verhinderung von Monopolen und Kartellen verweist. Dann aber müssten zumindest die Kartellrichter ein anderes Ethos befolgen als die Normalbürger, dürften mit anderen Worten nicht auch käuflich sein. Beide Einwände mindern zwar die von Hirsch beschworene Gefahr, heben aber seine Überlegung nicht auf. Ein spezifisches Berufsethos für Richter wie für Politiker ist unentbehrlich. Das "Volk", dessen Kritik an der Verhaltensweise von Politikern Richard Schröder unberechtigt fand (ZEIT Nr. 31/02), irrt deshalb vielleicht doch nicht, wenn es an die gewählten Politiker höhere sittliche Maßstäbe anlegt als an sein eigenes Verhalten.

Iring Fetscher ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Frankfurt/M.