Da dachte man, nach dem Tagebuch der Anne Frank, nach Victor Klemperers Aufzeichnungen und Helene Holzmans Erinnerungen könne einen nichts mehr erschüttern. Doch nun ist mit den Briefen der Lilli Jahn und ihrer Kinder ein Zeugnis aufgetaucht, das uns ergreift wie kaum ein anderes. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass es in der Literatur über den Holocaust künftig einen bedeutenden Platz einnehmen wird.

Lilli Jahn gelang es, die Briefe unmittelbar vor ihrer Deportation nach Auschwitz im März 1944 aus dem Lager Breitenau bei Kassel (wo sie seit Anfang September 1943 festgehalten worden war) hinauszuschmuggeln. Ihr Sohn Gerhard, später Justizminister im Kabinett Willy Brandts, bewahrte sie in seiner Marburger Wohnung auf. Dort entdeckten sie seine vier jüngeren Schwestern nach seinem Tode im Oktober 1998 - ein überraschender Fund, denn nie war davon mit einer Silbe die Rede gewesen. Martin Doerry, ein Sohn der ältesten Schwester Ilse, heute stellvertretender Chefredakteur des Spiegels, übernahm es, den kostbaren Nachlass zu ordnen. Er stellte intensive Nachforschungen an, machte viele weitere Dokumente und Briefe ausfindig. Unter der Hand entstand so die exemplarische Biografie einer klugen, hoch gebildeten deutschen Jüdin, deren Leben durch die Nazibarbarei zerstört wurde - und durch ihren eigenen nichtjüdischen Ehemann Ernst Jahn, der sich im Oktober 1942 von ihr scheiden ließ und sie damit schutzlos der Verfolgung auslieferte.

Kennen gelernt hatte die 1900 geborene Tochter eines Kölner Fabrikanten und angehende Medizinerin ihren "Amadé", wie sie ihn zärtlich nannte, im Spätsommer 1923, auf dem Höhepunkt der Inflation. Ernst Jahn hatte wie sie Medizin studiert und suchte, nachdem das geerbte Geldvermögen sich in nichts aufgelöst hatte, händeringend nach einer festen Anstellung. Unterschiedlicher hätten die Temperamente nicht sein können: Sie, eine lebenslustige junge Frau, vielseitig interessiert an Kunst, Literatur, Musik; er, ein früh verwaister Eigenbrötler mit einem Hang zur Schwermut und Frömmelei. Es bedurfte einiger Überredungskunst von Seiten Lillis, um den Widerstand ihrer Eltern gegen eine Heirat zu überwinden. Die Mutter warnt vor den "Gefahren einer Mischehe", der Vater befürchtet, dass seine Tochter in Immenhausen, einer Kleinstadt nördlich von Kassel (wo Ernst sich schließlich als praktischer Arzt niedergelassen hatte) nicht genügend geistige und kulturelle Anregungen finden könne.

Allem Anschein nach war die Verbindung eine, wie Doerry schreibt, "zuweilen einseitige Angelegenheit". Sie schreibt ihm wunderbare, leidenschaftliche Liebesbriefe; seine Antwortbriefe sind nicht erhalten, aber offenbar waren sie im Ton sehr viel reservierter. Denn er liebt zunächst eine andere Frau, und erst als diese ihn verlässt, entscheidet er sich für Lilli. Während sie ihren Beruf weiter ausüben möchte, will er sie in die traditionelle Frauen- und Mutterrolle zurückdrängen. Und von Anfang an liegt der in der Weimarer Republik grassierende Antisemitismus wie ein großer Schatten über ihrer Beziehung. "Und dann habe ich Sorge", schreibt sie ihm im März 1925, "ob nicht Dir die Ehe mit einer Jüdin in Deinem Beruf und dem Vorwärtskommen Schwierigkeiten bereiten wird, und ich bitte Dich von Herzen, mir mit aller Offenheit darauf zu antworten." Diese Offenheit wird Ernst nie aufbringen, und das sollte ihr zum Verhängnis werden.

In einem anrührenden Brief vom Januar 1926 beschwört der Vater seinen künftigen Schwiegersohn, seiner Tochter die Treue zu halten. "Wir haben Dir ein Teil des Liebsten und Besten, was wir haben, gegeben." Nach der Trauung im August 1926 zieht das Paar nach Immenhausen. In rascher Folge werden die Kinder geboren: Gerhard 1927, Ilse 1929, Johanna 1930, Eva 1933 - und als Nachzüglerin Dorothea 1940, genannt Dorle. "Meine Tage sind so ausgefüllt mit Haus und Kindern, und abends bin ich restlos müde", klagt die Mutter Anfang Februar 1933, kurz nach Hitlers "Machtergreifung". Mit deren Folgen werden die Jahns erstmals Ende März 1933 konfrontiert. SA-Leute verhaften die Immenhausener Sozialdemokraten und Kommunisten und foltern sie eine Nacht lang. Die übel zugerichteten Leute muss Ernst Jahn am nächsten Tag in seiner Praxis verarzten.

Und dann der Schock des 1. April 1933, als Ernsts Praxis von den Immenhausener Bürgern in den "Judenboykott" einbezogen wird. "Wir haben Erschütterndes erlebt", berichtet Lilli einen Tag später einer Freundin. "Und könnt Ihr Euch vorstellen, wie mir zumute ist? Könnt Ihr begreifen, wie schwer mir ums Herz ist und wie bitter weh das alles tut?" Die eben noch geachtete Arztfamilie ist plötzlich geächtet. Lilli zieht sich ganz auf die Familie zurück; sie geht "fast überhaupt nicht mehr vor die Tür" (4. Februar 1934). Und wenn sie es tut, dann senkt sie den Blick zu Boden, um niemanden in die Verlegenheit zu bringen, sie grüßen zu müssen. Am meisten Sorgen bereitet ihr die Zukunft ihrer Kinder, die als "Halbjuden" in der Schule als Außenseiter gemieden werden und von vornherein jeder Berufschance beraubt sind. "Manchmal weiß ich nicht, woher ich die Kraft nehmen soll, alles zu ertragen" (23. August 1935).

Lillis Schwester Else wandert nach England aus; nach dem Pogrom vom 8. November 1938 folgt ihr die Mutter nach. Doch Ernst Jahn kann sich nicht dazu entschließen, seine Praxis aufzugeben. So werden alle Möglichkeiten, rechtzeitig Nazideutschland zu verlassen, vertan.