Als Richard Wagner 1833 nach Würzburg kam, ließ er es sich gut gehen. Kräftig gesoffen hat er, langte hin auch beim Weibe, geriet beim Bier in "wilde Lustigkeit, enthusiastische Ausgelassenheit und sonderbare Ekstase" und teilte auch mal Prügel aus. Dabei war er ins Mainland gekommen, um "bei dem kleinen Würzburger Theater" sich "für die praktische Verwertung meiner musikalischen Fähigkeiten nach der nötigen Gelegenheit zur Übung" umzusehen. Für "monatlich 10 Gulden" verdingte er sich "als Chordirektor, eine ausnahmsweise Beschäftigung". Beim Singen aber war es erst einmal der schöne Sopran von Therese, des Totengräbers Töchterlein, der seine "Phantasie in angenehme Aufregung versetzt". Bald erteilte er ihr "regelmäßigen Gesangsunterricht nach einer mir bis jetzt noch unklar gebliebenen Methode". Als er 1834 das "Finis" unter seine zweite Oper Die Feen setzte, war Therese schon von einer Friederike "feurig, innig, hitzig" in den "unverholenen zärtlichen Verkehr" abgelöst worden. Und was hat der Freibeuter auf seiner fränkischen Spielwiese gelernt? Die "Fähigkeit, Beifall zu erzielen" und "dämonisch effektvoll" zu wirken. Im Übrigen fühlte er sich "als vollkommener Neuling im Beruf".

Trumpfkarte im Diadochenkrieg

170 Jahre später ist nun wieder jugendlicher Besuch aus der Familie Wagner in Würzburg angekommen - Richards Urenkelin Katharina, die Tochter von Wolfgang Wagner, dem 83-jährigen Bayreuther Festspielchef. Auch sie ist "vollkommener Neuling im Beruf", aber die heimliche Kronprinzessin am Grünen Hügel. Denn der Vater würde Katharina am liebsten die Festspielleitung vererben. Bis die Tochter reif sei für das Amt, sollte als Übergangslösung seine Ehefrau Gudrun die Geschäfte führen. Damit bliebe das Erbe auf lange Sicht im eigenen Familienzweig. Vor zwei Jahren aber hat der Stiftungsrat der Festspiele Gudrun als mögliche Nachfolgerin abgelehnt. Daher kann der sehnliche Wunsch des Prinzipals nur noch in Erfüllung gehen, wenn die Tochter möglichst noch zu seinen Lebzeiten den Beweis erbringt, dass echtes Wagner-Künstlerblut in ihr fließt und sie die Fähigkeiten hat, den Grünen Hügel zu übernehmen.

Das aber heißt: Katharina muss inszenieren, am besten Wagner. Am 22. September wird sie in Würzburg als Regisseurin mit dem Fliegenden Holländer debütieren. Schon sprießen die Gerüchte, blühen die Legenden. Ein Stadtheater im Ausnahmezustand. Seit April laufen die Proben. Wer wäre da nicht neugierig? Aber man erfährt nichts. Für lokale Presse gibt es keine Interviews. Journalisten wollen sich als Beleuchter im Blaumann in die Proben stehlen. Das Gespräch verstummt in der Kantine, sobald ein Gast von außen sie betritt. Es gab Krach, weil jemand aus dem Extrachor Interna ausgeplaudert hat. Hat deshalb der Intendant "absolute Schweigepflicht" für das Personal erlassen? Hat er nicht. Sagt er zumindest. Der Extrachor? "Der brummt halt mit und kann nix wissen!"

Es ist ein großes Geheimnis um Katharina Wagner. Mit eigenen künstlerischen Projekten ist sie bisher noch nicht hervorgetreten, was vielleicht auch viel verlangt wäre für eine 23-Jährige. Beim Vater hat sie im Organisationsbüro mitgearbeitet. An der Berliner Staatsoper Unter den Linden hat sie Harry Kupfer beim Wagner-Inszenieren über die Schulter geschaut und bei der Wagenauffahrt zur Festspieleröffnung an der Seite der Eltern prominente Hände geschüttelt. Viel mehr weiß man nicht. Frau Schulz, in der Marketingabteilung des Würzburgers Theaters, braucht sieben Telefongespräche und acht Tage, um die Besetzungsliste für den Holländer zu verschicken, und im Umschlag fehlt die Vita der jungen Regisseuse. Der Pressechef der Bayreuther Festspiele reagiert barsch: "Ich bin doch nicht für Würzburg zuständig, und für Regieassistentinnen hier haben wir keinen Lebenslauf parat!" Assistentin der Regie? Es ist doch Vaters Lieblingstochter, im Diadochenkrieg die auserwählte Trumpfkarte.

Die Stichworte, die während der Probenphase die Runde machen, lassen auf nichts Gutes hoffen: "Chaos", "Schultheater", "Uni-Bühne". Gegenüber im Café fällt der Begriff "Regie-Barbie". Und im "Karthäuser", wo sich im Schaufenstergrill 50 Hälften Würzburgs weltbester Hendl synchron drehen, sagt einer von der Bühne: "Hojotoho, ihr glücklichen Göckel" und zeigt mit dem Daumen down. Man nennt sie "Kathi", nennt sie "Nina", und im Orchester fragt man sich, ob "die kleine Wagner" schon mal da war. War sie. Aber, heißt es, sie versteckt sich immer hinter ihrem Assistenten, hinterm Robert Sollich, Grünschnabel wie sie, drei Jährchen älter, und der Katharinen-Witz hinter der Kulisse geht: "Soll ich?"

Soll ich? Kann ich? Ein erstes Interview ist im Würzburger Theatermagazin brennende fragen erschienen; eine solche beantwortet die Tochter profund, professionell, prophetisch: "Natürlich ist das mit Oper und Realismus so eine Sache!"

Warum aber kommt die Kronprinzessin aus Bayreuth ausgerechnet nach Würzburg herunter? "Nun", sagt der Herr Theaterleiter Reinhold Röttger, "über eine private Beziehung bei einer angelegentlichen Tasse Kaffee" sei er "zu dem Mädchen gekommen". Mit ihr schließe sich endlich "der Kreis zum Chordirektor Richard". Eine interessante Konstellation, die die Oper der Stadt "ins Gespräch bringen" soll. 23 Jahre Unerfahrenheit? Der klingende Name der Debütantin, sagt der Intendant, spiele keine Rolle: "Ich gebe allen jungen Leuten eine Chance, die den Weg zu mir finden!" Man müsse ja nicht wie er 54 Assistenzen absolvieren, um erstmals selbst Regie zu führen. Und außerdem, meint er ganz erziehungsberechtigt, "kenne ich die Eltern sehr, sehr gut!" Ein "gutes Gefühl" habe er bei "der jungen Frau". 100 vorbestellte Pressekarten seien doch, er setzt die Pause, ein Argument.

In Wirklichkeit ist alles anders. Würzburg ist nur die Filiale von Bayreuth. Das kleine Mainfranken-Theater wird vom amtierenden Wagner-Chef als Probebühne für die Tochter instrumentalisiert. Das Debüt ist ein Probelauf und soll die Professionalisierungsschwelle der Kleinen nehmen - günstiger war dieses Entrée nicht zu haben. Bei den Bayreuther Festspielen sind alle Neuproduktionen für die nächsten Jahre besetzt. Nur die Regie für den neuen Tristan im Jahre 2005, so munkelt man oben am Grünen Hügel in den Festspielpausen, halte man für ein Familienengagement noch ein bisschen offen. In drei Jahren soll die Austöchterung durchgeführt, die Debütantin lanciert und die Nachfolgerin von Wolfgang familiengerecht etabliert sein. Viel Zeit im biologischen Wettlauf mit der Uhr bleibt dem Bayreuther Patriarchen nicht. Auswärtsspiele sind das entscheidende Sprungbrett in der Karrierestrategie, und im Gegengeschäft bekommt das bedrohte Würzburger Theater die Sensation, die zum Überleben gut tut. Denn keine drei Spielzeiten ist es her, da wurde die Schließung des Stadttheaters diskutiert, weil der Stadtrat die Insolvenz fürchtete. Kurz: Bayreuth braucht eine Nachfolge und Würzburg den Kick.

Margot Müllers Machtpolitik

Die Charity-Damen vom fränkischen Land- und Dentaladel rangeln schon präventiv um die Sitzordnung im Bannkreis des Wagner-Wunderkinds. Und noch etwas verleiht der Opernpremiere mächtig Schubkraft: der örtliche Richard-Wagner-Verband. Von Las Palmas bis Odessa, von Peking bis Shanghai - unter den 131 internationalen Verbänden im Namen des Meisters ist Würzburg weltweit der stärkste. Hier herrscht der Wagnerismus in seiner schrillsten Form. Margot Müller steuert in Würzburg ein Renault-Autohaus, rollert den Vespa-Vertrieb und lenkt den Wagner-Verband, den sie selbst vor 20 Jahren gründete. Passioniert und obsessiv, manchmal rührend betreibt die 80-Jährige nicht nur Brauchtumspflege, sie macht Politik. Wenn das Reisebüro für ihre Wagner-Touren nicht spurt, kauft sie per Autohaus den gewünschten Bus und tauft ihn Loge. Dem Theater drückt sie eine Wagner-Büste samt genauer Standortanweisung ins Foyer, und nicht nur die Verwaltung zittert, wenn ihre Stentorstimme per Telefon Staub auf der Bronze rügt. So hat sie auch den Deal mit Katharinen eingestielt und 20 000 Euro zum Debüt beigesteuert. In Bayreuth sitzt sie immer in der ersten Reihe.

Sie hatte die Idee. "Hastu Mut?", fragte Mutter Margot Jung-Katharina. Sagte Katharina: "Da muss ich erst Papa und Mama fragen!" Die sagten: "Ja!" Die Regie steht fest, und Röttger wird aus den Theaterferien zum Abnicken in die Bayreuther Kantine zitiert. Der Satz eines Leserbriefschreibers in der Würzburger Mainpost, Gudrun Wagner sei "wegen Inkompetenz nicht diskutabel" für die Thronfolge, trägt ihm prompt eine Unterlassungsklageandrohung der Wagnerschen Rechtsvertretung ein. Am Telefon lacht Margot Müller ertappt auf, als die Sprache auf Würzburgs Probelauffunktion und den Bayreuther Nachfolgeschlamassel kommt: "Thema abgehakt! Darüber spricht doch niemand mehr. Ich halte mich an das Stillhalteabkommen!" Im Übrigen habe sie nicht nur Wagner, sondern noch 95 Prozent Auto im Kopf. Eine Vorpremiere hat ihr Wagner-Verband schon fest gebucht. Das freut den Kaufmann. Klaus Heuberger verwaltet die Kasse des Theaters. Das Risiko Kathi rechnet er tief, den Namen Wagner hoch, die Kunst? "Sehr provokant wird's wohl nicht, aber die Presse sorgt für Image!" Er freut sich auf überdurchschnittliche 90 Prozent Auslastung bei 16 Aufführungen, und "die Müller-Gala ist schon mal verkauft!"

"Verachtet mir den Wolfgang nicht!", ruft es im Rundbrief des Würzburger Richard-Wagner-Verbands.