Am Montag öffneten die uruguayischen Banken pünktlich um 13 Uhr. Tatsächlich. Nach einer Zwangspause von vier Werktagen. Vor den Eingängen hatten Kunden seit den frühen Morgenstunden in der Winterkälte gewartet, um ihre Ersparnisse in Sicherheit zu bringen.

Die argentinische Krise hat inzwischen auch das kleine Nachbarland Uruguay erfasst, und die Regierung von Montevideo wusste in der vergangenen Woche nur noch einen Ausweg: Sie setzte im ganzen Land eine Kontensperre durch, indem sie einige Bankfeiertage ausrief. Verängstigte Sparer hatten zuvor bis zu 50 Millionen US-Dollar am Tag von ihren Konten abgehoben. Den uruguayischen Banken drohte die Zahlungsunfähigkeit, weil auch die Reserven der Zentralbank innerhalb von sechs Monaten auf 655 Millionen Dollar geschrumpft waren. Gerüchte kursieren in der Hauptstadt, dass internationale Fondsgesellschaften vor einigen Wochen begonnen haben, Geld aus dem Land abzuziehen. Dann verloren auch die Uruguayer das Vertrauen, sie haben den argentinischen Zusammenbruch sehr genau beobachtet und fürchteten daher, dass ihre Konten bald gesperrt werden. So floss noch mehr Geld ab, und am Ende ist aus einer Möglichkeit eine Realität geworden: Festgelder, die auf den öffentlichen Banken liegen, werden drei Jahre lang nicht ausgezahlt.

Dass die Banken am vergangenen Montag immerhin ihr normales Geschäft wieder aufnehmen konnten, haben sie der US-Regierung zu verdanken, die kurzfristig 1,5 Milliarden Dollar überwiesen hat. Damit konnte die uruguayische Regierung die Liquidität ihrer Geldinstitute sichern bis der Internationale Wärhungsfonds (IWF) einspringt. George Bush hat nicht lange gezögert, zu viel steht nach Ansicht seiner Regierung auf dem Spiel. Uruguay ist zwar mit seinen 3,4 Millionen Einwohnern nur ein Zwergenstaat im Vergleich zu Brasilien (172 Millionen) oder Argentinien (36 Millionen). Aber dafür ist seine politische Bedeutung immens: Das Land gilt den USA als politischer Brückenkopf in einer instabilen Region. Die Regierung des konservativen Präsidenten Jorge Batlle wurde spätestens an dem Tag zum Lieblingskind der Bush-Administration, als sie ihre diplomatischen Beziehungen zu Kuba abbrach. Und dann ist da noch das Geld. Für die internationale Bankenwelt ist Uruguay seit Jahrzehnten das Tor nach Lateinamerika. Wenn dieser Finanzplatz im Chaos versänke: Der Schaden für den Subkontinent und die Finanzmärkte wäre kaum absehbar.

Hunderte Millionen veruntreut

Uruguay galt lange als die Schweiz Amerikas. Die internationalen Geldinstitute unterhalten dort so genannte Back Offices, über die viele Geschäfte in Lateinamerika laufen. Das Bankgeheimnis ist rigider als das eidgenössische. Und besonders attraktiv ist der Finanzplatz, weil Offshore-Banken und Offshore-Unternehmen unbürokratisch und über das Internet gegründet werden können. Geschäfte mit diesen Ablegern in Steuerparadiesen werden kaum kontrolliert, die uruguayischen Aufsichtsbehörden haben viel zu wenig Mitarbeiter.

Weil der Finanzplatz solche Vorteile hat, haben die Regierungen der Industriestaaten, die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die großen Privatbanken geflissentlich darüber hinweggesehen, dass einige Bankniederlassungen wirtschaften, als gäbe es kein Morgen. Bankiers haben Hunderte Millionen Dollar veruntreut, etliche stehen unter Anklage oder sind auf der Flucht.

Dieses "System Uruguay" verstärkt jetzt das Misstrauen der Sparer und ist mit dafür verantwortlich, dass Uruguay zusammenbrechen könnte wie sein Nachbar Argentinien. Uruguays jahrzehntelange Stärke, ein sicherer und verschwiegener Finanzplatz zu sein, ist zu seinem Fluch geworden.