Gleich Krankenschwestern am Bett eines Infarktpatienten haben die Demoskopen seit Monaten die wechselnden politischen Befindlichkeiten des Bürgers gemessen. "Profilvergleiche" zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber addierten sich zum Besetzungsraster einer sentimentalen TV-Serie: "Wer ist glaubwürdiger, sympathischer, ein Siegertyp?" (Antwort der einen Mehrheit: Schröder) "wer ist tatkräftiger und kann mehr Arbeitsplätze schaffen?" (Antwort der anderen Mehrheit: Stoiber).

Jede Demokratie hat die Kandidaten, die sie verdient. Die von Schröder und Stoiber gewollte Verengung der Kampagnen auf zwei Personen löst allerdings nicht die traditionellen Bindungen ihrer Parteien an Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände auf. Nach der Wahl geben diese wieder den Ton an. Die Kandidaten üben sich vorher im Scheingefecht. Der Bürger mag zwar glauben, einen streitbaren Kanzler zu wählen, doch in Wirklichkeit entscheidet er sich für das alte Konsensmodell. Wie in einem Vogelkäfig wird in ihm deutsche "Politik" aufbewahrt. Er ist ihr nicht von fremden Mächten aufgezwungen worden, sondern vom Wähler. Deutschland ist ein konservatives Land.

Konflikte, Klassenkämpfe gar zwischen Gesellschaftsgruppen sind unbeliebt.

Gesellschaftlicher Wandel ist dem Wähler nur schmackhaft zu machen, wenn er als Rückkehr zum Bewährten angepriesen wird. Genau das werden beide Kandidaten bis zum 22. September versuchen: modern zu wirken, aber am Vertrauten festzuhalten Riskantes zu denken, aber Altbekanntes zu predigen.

Der Wähler ist immer undankbar Gottlob scheint zumindest die Phase vorüber zu sein, in der die Kandidaten einander umkreisten wie in einem Rokoko-Kotillon. Es lag ja am Vitaminmangel des bisherigen Wahlkampfs, dass läppische Geschichten das öffentliche Streitvakuum füllten: Rudolf Scharpings Anzugsrechnungen, Cem Özdemirs Darlehen, Gregor Gysis, Rezzo Schlauchs und anderer Abgeordneter Bonusmeilen - das waren Boulevard-Sensationen, wie gemacht für das Land der ausgeprägten Neidkultur. Während die politische Gemütsverfassung der Nation noch formbar scheint, mögen sich die Redakteure von Bild gedacht haben, wird der Skandal-Joker ausgespielt: Die rot-grünen Parlamentarier - eine reiselustige Bonus-Bande. Dass der bestochene Holger Pfahls, CSU-Staatssekretär a. D., seit vier Jahren von Interpol gesucht, inzwischen an die 500 000 Bonusmeilen zusammengeflogen haben könnte, geriet da leicht in Vergessenheit. Und darf man Kohls Ehrenwort-Millionen in dieser Posse der gespielten Empörung überhaupt noch erwähnen - oder überschreitet das bereits die moralische Verjährungsfrist?

Politik ist Tragödie, Oper und Komödie in einem, und wer vermag sich nach vier Jahren schon daran zu erinnern, was im ersten Akt los war?

Vergesslichkeit ist die Regel in der Mediendemokratie.