Wie kann es sein, dass der Essayist, Kritiker und Kulturtheoretiker Robert Warshow keinen Ruhm genießt, während ein Scharlatan wie Slavoj Zizek in aller Welt gefeiert wird? Wie ist es bloß möglich, dass die Sekundärliteratur über Walter Benjamin Bibliotheken füllt, während es 40 Jahre gedauert hat, bis Warshows schmales Werk - er starb 1955 mit nur 37 Jahren - wieder zugänglich gemacht wurde? Warum bloß plagt man sich seit Jahrzehnten mit dem Erbe von Adornos Denunziation der Populärkultur herum, wenn es doch einen Zeitgenossen der Dialektik der Aufklärung gab, der als Kulturkritiker geradezu traumwandlerisch alles richtig machte, was die Kritische Theorie so folgenreich falsch machte?

Der Leser von The Immediate Experience wird sich irgendwann diese Fragen stellen, denn die seltsame kleine Textsammlung ist eine Sensation. Untertitel und schrille Aufmachung des Bandes sind ein wenig irreführend: Man könnte glauben, es gehe bei Warshow nur um beliebige "Aspekte der Popkultur". Das ist nicht ganz falsch - denn in der Tat wird hier Grundlegendes über den Gangster, den Westernhelden, Horrorcomics, den New Yorker und den Cartoon Krazy Kat gesagt. Aber es ist auch irreführend, denn einige der scharfsinnigsten Essays von Warshow handeln von Gertrude Steins kindlicher Attitüde als einer höchst zweifelhaften literarischen Methode

von Arthur Millers politischer Naivität als Menetekel der moralischen Korruptheit des linksliberalen Anti-Antikommunismus

vom Triumph der Kunst über die Humanität im sowjetischen Avantgardefilm

von Warshows Trauer über den Tod des Vaters und der Schwierigkeit, ihr eine Form zu geben, in der die Welterfahrung des Verstorbenen nicht verfälscht wird.

Manch einer, der den Namen Robert Warshow im Zusammenhang mit seinem zu Recht legendären Aufsatz über den Gangster als tragischen Helden gehört hat, wird sich über die Breite des Feldes wundern, auf dem dieses einzigartige kritische Temperament sich tummelt. Und doch gibt es einen gemeinsamen Fokus all der zerstreuten Arbeiten: die Unersetzbarkeit der "unmittelbaren Erfahrung". Warshow ist in den dreißiger Jahren intellektuell geprägt worden und hat in den Vierzigern und Fünfzigern publiziert. Man muss nur ein paar Stichworte nennen, um anzudeuten, dass unmittelbare Erfahrung in diesen Zeiten etwas ungeheuer Prekäres geworden war: Der ideologische Weltbürgerkrieg zwischen den kommunistischen Volksfront-Bestrebungen und der McCarthy-Zeit bilden den Hintergrund für Warshows Tätigkeit. Anders als die Kritischen Theoretiker beschränkt dieser Autor sich nicht aufs Durchschauen des Verblendungszusammenhangs, sondern hält gegen alle Wahrscheinlichkeit an der Möglichkeit authentischer Erfahrung fest. Sie gilt ihm nicht als ein starres Gegenüber der Kritik, als etwas, das der Kritiker als bloß scheinhafte Unmittelbarkeit entlarven muss, um zur Wahrheit vorzudringen.

Die irreduzible Erfahrung selber ist für Warshow zugleich ein Medium und ein Korrektiv der Kritik. Ziel der Kritik ist es, die Möglichkeit zu neuen Erfahrungen - gegen alle Verlogenheit, Sentimentalität und Vulgarität der ideologischen Apparate - offen zu halten. Nicht zuletzt dieses Programm hat ihn, den Sohn eines einflussreichen Sozialisten, zu einem kämpferischen linken Antikommunisten gemacht. Das Beharren auf experience hat ihn auch vor der großen wohlmeinenden Sünde nahezu aller linksliberalen Kunsttheorien bewahrt - der Verharmlosung der ästhetischen Erfahrung. Er wusste, dass die Kunst auch die bösen Wünsche bedient, von denen wir uns als hellwache verantwortliche Mitglieder der Gesellschaft zu Recht fürchten. Sosehr er sich gegen die Verharmlosung der Kunst durch ihre falschen Freunde gewehrt hat, so unempfindlich war er andererseits für den zivilisationsfeindlichen Kult des Bösen, dem sich die Vertreter der negativen Ästhetik hingeben.

Warshow hat - und das ist für einen 1917 geborenen sehr erstaunlich - niemals mit dem elenden E- und U-Kultur-Problem gerungen. Nie hat er sich der lächerlichen Arbeit hingegeben, seine Leidenschaft für Filme (besonders auch für Serienware aus Hollywood) und Comics durch nobilitierende Vergleiche zu legitimieren. Auch dies ist eine Tugend seines Begriffs von Erfahrung: Er sei sich "völlig bewusst, dass der Impuls, der mich in einen Humphrey-Bogart-Film zieht, wenig mit dem Impuls gemein hat, der mich zu den Romanen von Henry James oder den Gedichten von T. S. Eliot zieht". Da gebe es schon irgendeine Verbindung, aber über diese sei nichts Erhellendes gesagt, wenn man den Bogart-Film und das Eliot-Gedicht als "zwei Formen von Kunst" bezeichne: "Diese Verbindung zu definieren scheint mir eine Aufgabe der Filmkritik zu sein, und die Definition muss vor allem eine persönliche sein. Ein Mann sieht einen Film, und der Kritiker muss anerkennen, dass er dieser Mann ist."

Robert Warshow: The Immediate Experience

Movies, Comics, Theatre and Other Aspects of Popular Culture

Harvard University Press 2002

302 S., 20,- e