Schuld sind nur die anderen

Im Sommer 2001 muss Bernhard Termühlen ein glücklicher Mensch gewesen sein. Gerade hatte der Chef des Heidelberger Finanzdienstleisters MLP den Ritterschlag erhalten: die Aufnahme seines Unternehmens in den Dax, den Kreis der wichtigsten deutschen Aktiengesellschaften. Der Börsenkurs war seitdem zwar etwas gesunken, auf knapp 90 Euro. Aber MLP, lobte das Anlegermagazin Börse Online, überzeuge "weiter fundamental". Die Aktie "dürfte den größten Teil des Abstiegs hinter sich haben".

Ein Jahr später ist aus freundlichem Lob ätzende Kritik geworden. Und der Aktienkurs von MLP auf ein Zehntel geschrumpft.

Im Sommer 2002 muss Bernhard Termühlen ein unglücklicher Mensch sein. Seit Wochen konfrontiert Börse Online den einstigen Börsenliebling MLP mit immer neuen Vorwürfen - es geht um unsaubere Bilanzen und die Frage, ob die Heidelberger ihre Gewinne künstlich aufgebläht haben. Nach einer anonymen Anzeige durchsuchte der Staatsanwalt die Büroräume von MLP - das Ermittlungsergebnis ist offen. Am vergangenen Freitag krachte die MLP-Aktie binnen Tagesfrist um fast 50 Prozent - der dramatischste Einbruch eines Dax-Wertes, seit es den Dax gibt. Das Unternehmen hatte eingeräumt, in diesem Jahr weniger Gewinn zu machen als prognostiziert. Auch MLP- Mitarbeiter trifft der Kurssturz. Weil sie Aktien des Unternehmens auf Kredit kauften und jetzt hoch verschuldet sind, griffen Termühlen und Aufsichtsratschef Manfred Lautenschläger ihnen finanziell unter die Arme - mit 16 Millionen Euro aus der Privatschatulle.

Hartnäckig halten sich Gerüchte, das Unternehmen könnte aus dem Dax fliegen.

Am kommenden Dienstag entscheidet die Deutsche Börse, wer den Index verlassen muss. Ist es MLP, hätte der Finanzdienstleister einen weiteren Superlativ verbucht: die kürzeste Zugehörigkeit zum Eliteclub.

Es ist der beispiellose Absturz eines Börsenstars. Und das vorläufige Ende einer beispiellosen Geschichte. Einer Geschichte von unendlichem Wachstum und stetig steigendem Gewinn.

Krisen waren im System MLP bislang nicht vorgesehen. Immerhin vermittelt man Versicherungen an eine Zielgruppe, die jeder Finanzkonzern gern bedienen möchte: Ärzte, Akademiker, gut verdienende Selbstständige. Sie unterschreiben bei MLP, weil die Finanzberater sie bereits früh werben, meist noch an der Universität. Das funktioniert nach einem einfachen Muster. MLP hilft den Studenten bei der Vorbereitung auf ihre Bewerbungsgespräche

Schuld sind nur die anderen

dafür darf der Berater dann auch bei der Finanzplanung helfen. Manchmal stehen MLP-Mitarbeiter an der Tür zum Prüfungsamt der Uni und sprechen die frisch gebackenen Absolventen an. Von zehn Studenten eines Jahrgangs landen vier bei den Heidelbergern. Es ist ein lukratives Geschäft: Im vergangenen Jahr erwirtschaftete MLP mit 2500 Beratern mehr als eine Milliarde Mark. Und Umsatz und Gewinn kletterten jedes Jahr um durchschnittlich 30 Prozent.

Andere Versicherer und Banken können davon nur träumen.

Die Geschichte des Aufsteigers MLP ist aber auch die Geschichte des Aufsteigers Bernhard Termühlen. Er fängt 1985 als Berater in Hamburg an

schon zwei Jahre später leitet er die dortige Geschäftsstelle. Ein weiteres Jahr später sitzt Termühlen im Heidelberger Vorstand. Und 1999 kommt er ganz oben an. Sein Markenzeichen ist die stete Bräune im Gesicht, sein Ruf der eines leisen Arbeiters. "Messen Sie mich an unseren Zahlen", forderte Termühlen auf der Hauptversammlung im Mai, und so etwas sagt sich leicht, wenn man ein Unternehmen führt, dass den Aktienkurs vom Börsengang 1988 bis zum Höchststand im Jahr 2000 um mehr als 30 000 Prozent gesteigert hat. Doch gemessen an den Zahlen, hat MLP seit vergangenem Freitag ein Problem. Da meldete das Unternehmen, dass das Ergebnis vor Steuern im ersten Halbjahr 2002 "höchstens auf Vorjahresniveau" liegen werde. Außerdem werde man die "ursprüngliche Ergebnisprognose von rund 30 Prozent für das Jahr 2002 aus heutiger Sicht nicht erreichen". Es ist das erste Mal, dass MLP die selbst gesteckten Ziele verfehlt. "Das schafft Raum für Spekulationen", sagt Dierk Schaffer von der WGZ-Bank in Düsseldorf. Mit Spannung warten Analysten wie Schaffer jetzt auf die ausführlichen Zahlen, die Termühlen am 15. August vorstellen will.

Mit Spannung darf man auch darauf warten, welche Erklärung der MLP-Chef dann für diese Krise finden wird. Denn in der Welt der Heidelberger, sagen Kritiker, gebe es nur Schwarz oder Weiß, nur Gut oder Böse. Gut sind die Männer und Frauen von MLP, eine eingeschworene Truppe, eine closed company.

Sie bilden ein Unternehmen, dem selbst Konkurrenten eine unglaubliche "Vertriebsmacht" bescheinigen. Böse sind die Outsider, die Neider, all jene also, die das Geschäftsmodell des Unternehmens nicht verstehen.

So wie die Banken in Frankfurt, die mit ihrem Einfluss auf die Deutsche Börse dem Aufsteiger mehrmals die Aufnahme in den Dax verweigerten.

Schuld sind nur die anderen

So wie die Verbraucherschützer, die immer mal wieder die Beratungsqualität bemängeln. "Häufig wurden den Kunden standardmäßig Produkte verkauft", sagt Wolfgang Scholl vom Bundesverband der Verbraucherzentralen.

So wie die Hedge-Fonds, die mit ihren Wetten gegen die MLP-Aktie den Börsenwert zu Boden prügelten. Von einer Überbewertung der Aktie - Einfallstor für Spekulanten - wollte Termühlen noch im Mai nichts wissen.

"Analysten sehen die MLP-Aktie bei 115 Euro als fair bewertet", sagte er in einem Interview. "Ich übrigens auch." Der Markt scheint seine Meinung geändert zu haben: Am Wochenanfang notierte die MLP-Aktie bei 9 Euro.

Es sind vor allem die Vorwürfe des Anlegermagazins Börse Online, die dem Finanzdienstleister zusetzen. Vereinfacht formuliert, kritisiert das Blatt, MLP lasse sich die hohen Abschlussprovisionen für die verkauften Policen von einem Rückversicherer vorfinanzieren. Das verfälsche die Aussagekraft der Bilanz. MLP lebe heute von den Erträgen von morgen, da ein Teil der Prämienzahlungen der Versicherten im Laufe der Jahre an den Rückversicherer fließe - als Entgeld für den Vorschuss.

Seitdem ist ein bizarrer Streit um die Glaubwürdigkeit des MLP-Zahlenwerks entbrannt. Das Unternehmen zwang dem Magazin zwei Unterlassungserklärungen ab, ging aber nicht gegen den Kernvorwurf des Rückversicherungsgeschäftes vor. Den sollte ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young entkräften, doch dieses Gutachten, sagt Markus Straub von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre, belege nur die korrekten Einzelabschlüsse der MLP-Tochterfirmen, widerlege aber nicht den Eindruck, dass der Konzernabschluss kein korrektes Bild der Unternehmenssituation wiedergebe. Eine Sonderprüfung der gesamten Bilanz, wie von Aktionärsschützern gefordert, lehnt MLP ab. "Die Hauptversammlung hat den Jahresabschluss genehmigt", betont ein Sprecher. Auf der Hauptversammlung trat auch ein Mannheimer Professor auf, der die MLP-Bilanz verteidigen sollte - er war MLP-Aktionär.

Dann stellte sich heraus, dass Aktionärsschützer Straub unter Pseudonym für Börse Online schreibt. Allerdings für eine andere Rubrik, wie er betont.

Inzwischen hat eine Rechtsanwältin Strafanzeige gegen Straub und einen Redakteur von Börse Online erstattet, unter anderem wegen Verleumdung. MLP sagt, man habe diese Anzeige nicht initiiert.

Schuld sind nur die anderen

Dabei ist die bedrohliche Frage für das Unternehmen längst nicht mehr, ob die Rückversicherungsgeschäfte nun unrechtmäßig sind. Es geht darum, ob diese Finanzierung in einer Krise hält.

Rund 45 Prozent des Prämiensvolumens hat das Unternehmen nach eigenen Angaben über Rückversicherer vorfinanziert. Bei etablierten Versicherungen wie der Allianz beträgt diese Quote rund 10 Prozent. Den Unterschied kann MLP leicht erklären: Immerhin sei man ja ein stark wachsendes Unternehmen. Auch in der Branche wird bestätigt, dass die hohe MLP-Quote nachvollziehbar sei.

Mit einer Einschränkung: solange das Unternehmen tatsächlich wächst.

In guten Zeiten ist es kein Problem, künftige Erträge an einen Rückversicherer abzutreten. Und wenn das Neugeschäft nachlässt? Ähnlich wie das Modell im Boom das Unternehmen entlastet, könnte es in einer Krise zur Belastung werden.

Zumal auch die vermögende Klientel extrem sensibel auf schlechte Nachrichten reagieren dürfte. Wer viel Geld investiert, will dieses Geld sicher verwahrt sehen. Bad news schaden dem Image - und der Erfolg von MLP hat viel mit dem glänzenden Bild zu tun, das die Berater ihren Kunden verkaufen. "Jetzt muss sich zeigen, ob MLP tatsächlich die hohe Beratungskompetenz besitzt", sagt Analyst Schaffer. Nur dann werde man das Vertrauen der Kunden behalten.

Um das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen, braucht das Unternehmen wohl erst mal einen Finanzvorstand. Bisher übernahm Firmenchef Termühlen diese Aufgabe, doch selbst die sonst so abwägende Börsen-Zeitung berichtet von einer "mitunter selbstherrlichen Attitüde" bei MLP und bemängelt "Kommunikationsdefzite". So etwas mögen Finanzprofis gar nicht.

Jetzt sucht man einen Fachmann. Dessen Berufung lässt noch auf sich warten.