Können die Pubertierenden gar nichts für ihre Flegelhaftigkeit? Sind sie selbst Opfer ihrer primadonnenhaften Allüren und ihres rüpelhaften Gebarens?

Es mag entnervte Eltern ein wenig trösten, dass es nicht an ihrer Erziehung liegt, sondern an der Biologie, wenn sich das Erwachsenwerden der Kinder schwierig gestaltet. "Das Teenagerhirn ist eine Baustelle", sagt die kanadische Hirnforscherin Sandra Witelson. "Da herrscht der reine Tumult", sekundiert ihr Kollege, der amerikanische Kinderpsychiater Jay Giedd vom US-National Institute of Mental Health (NIMH).

Mit aufwändigen Durchleuchtungsuntersuchungen haben vor allem der NIMH-Wissenschaftler Giedd und seine Kolleginnen Judith Rapoport und Deborah Yurgelun-Todd in den letzten Jahren die Hirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen protokolliert. Ihr Fazit: Gerade vor und während der Pubertät setzt im Gehirn des Menschen eine massive Umbautätigkeit ein. Erst weit jenseits der 20 erlangt das Hirn seinen endgültigen Feinschliff. Das Chaos im Teeniehirn erklärt so manche eigenartige Lebensäußerung Pubertierender.

Die Befunde der US-Forscher stellen einige Lehrbuchweisheiten auf den Kopf.

Bereits im Mutterleib und in der frühen Kindheit, so galt unter den Experten als gesichert, nehme das wachsende Hirn seine endgültige Gestalt an. Dabei werden zunächst weitaus mehr Verbindungen zwischen den Hirnzellen geknüpft, als eigentlich notwendig sind. Bestehen bleiben nur solche Nervenfortsätze, die tatsächlich auch zur Signalübermittlung von Zelle zu Zelle benutzt werden. Bereits nach den ersten Lebensjahren, glaubten die Fachleute bisher, habe das Gehirn seine unvorstellbare Komplexität erreicht: Rund 100 Milliarden Neuronen sitzen am richtigen Platz, jedes über seine Nervenfortsätze mit rund 10 000 anderen in Kontakt. Alle weitere Reifung der Hirnfunktion schrieb man ausschließlich dem Lernen zu - Spracherwerb, soziale Interaktion oder räumlichzeitliches Denken galten als Fähigkeiten, die das Gehirn nur noch trainieren muss.

Davon kann nun keine Rede mehr sein. Wohl unter dem Einfluss der aufschäumenden Sexualhormonproduktion beginnt mit der Pubertät eine zweite Wachstumswelle im Hirn. Sie startet mit einer massiven Neuproduktion von Nervenzellen im Vorderhirn und erreicht bei Mädchen ihren Höhepunkt mit elf, bei Jungen mit zwölf Jahren. Zugleich reifen die Emotionszentren tief im Inneren des Gehirns zur vollen Funktionsfähigkeit heran - und tun, was ihre Aufgabe ist: Sie produzieren Gefühle, Ärger, Wut, Neugier, Lust auf Nervenkitzel.