Die mächtigsten Warlords von Nordafghanistan, Big D (General Abdul Raschid Dostum) und Lehrer Atta (General Ostad Atta Muhammad), halten sich in diesem Lager auf. Sie sind hier mit einem Vermittler der Vereinten Nationen zusammengekommen, der sie dazu bewegen will, ihre Panzer aus der Stadt abzuziehen. Auf dem großen Platz in Masar beäugen sich jeweils rund 50 Kämpfer beider Seiten, die Finger an den Abzügen ihrer Waffen.

In den vergangenen Wochen kam es zu Gefechten zwischen den Milizen. Die Kämpfe waren so heftig, dass die Mitarbeiter des Roten Kreuzes Masar nicht verlassen konnten. Sie wollten eigentlich in die Berge im Landesinnern fahren, wo womöglich 1,2 Millionen Menschen verhungern.

Was treibt der Amerikaner in dem Lager eigentlich? Als Bush für die Präsidentschaft kandidierte, sprach er sich dagegen aus, amerikanische Soldaten für den Wiederaufbau eines Landes einzusetzen. Das Pentagon will nicht, dass Soldaten zu Polizisten werden. Auch im Kongress herrscht Unbehagen, amerikanische Soldaten bei unbefristeten Friedensmissionen einzusetzen, bei denen sie Ziele von Terroristen werden können. Die Erinnerung an Vietnam, Amerikas letztem groß angelegtem Versuch imperialen Staatenaufbaus, ist noch wach. Doch in Masar scheinen die Amerikaner genau das zu tun: Sie wollen der Stadt Frieden bringen.

Die Special Forces sind keine Sozialarbeiter. Sie sind eine Art imperialistischer Einheit, zur Durchsetzung amerikanischer Macht und Interessen in Zentralasien. Man mag es Friedensmission oder Wiederaufbauhilfe nennen - was in Masar vor sich geht, ist nichts anderes als imperialistische Kontrolle. Ja, Amerikas Antiterrorkrieg ist eine Neuauflage des Imperialismus.

Die Garnisonen sind keineswegs nur Provisorien. Der Terror ist nur in den Griff zu bekommen, wenn in den anarchischen Gebieten, wo die Terroristen Unterschlupf finden, Ordnung einkehrt. In Afghanistan bedeutet das den Aufbau einer Nation, die Gründung eines Staates, der stark genug ist, die Rückkehr von al-Qaida zu verhindern. Doch die Bush-Regierung will das preiswert haben. So wenig Investitionen wie gerade nötig. Keine Risiken. In Washington nennt man das nation-building light, Wiederaufbau leicht. Doch Imperien gibt es nicht "leicht". Sie kommen gewichtig daher - oder sie gehen ein. Das Gleiche gilt für den Frieden, den sie zu bewahren haben.

Jeder Warlord beschäftigt einen Pressesprecher

Frieden in Masar - so weit ist es längst noch nicht. Auf den staubigen Straßen sind zahllose Jugendliche zu sehen, die einen Turban tragen und eine Kalaschnikow über den Schultern. Immer wieder kommt es zu Feuergefechten. Doch der Amerikaner mit dem Anglerhut beabsichtigt nicht, Luftschläge anzuordnen, um eine Schießerei unter Milizen zu stoppen. Er ist da, um größeres Unheil abzuwenden - Panzerschlachten oder Artilleriegefechte. Es ist aber fraglich, ob die amerikanische Präsenz ausreicht, um Afghanistan vor einem Rückfall in den Bürgerkrieg zu bewahren. Die Senatoren Richard Lugar und Joe Biden haben gewarnt, dass aus dem Wiederaufbau nichts wird, wenn die Friedenstruppe von 4500 ausländischen Soldaten, die derzeit in Kabul patrouillieren, nicht aufgestockt und auch in Städten wie Masar eingesetzt wird. Sie haben sicher Recht. Doch es ist unwahrscheinlich, dass den Worten der Europäer mehr Soldaten folgen. Das bedeutet: entweder Friedenssicherung auf amerikanische Weise aus der Luft - oder gar nichts.