So ein Dekret erhält man nicht als Brief. Man hat uns nicht einmal persönlich informiert. Ich habe von einer Journalistin erfahren, dass uns Kardinal Ratzinger tatsächlich exkommuniziert hat, und mir den Text dann selbst im Internet raussuchen müssen. Seither denke ich mir: Wir sind doch keine Verbrecherinnen. Wie konnte uns die Kirchenleitung nur so bestrafen? Wir sieben Frauen wollten doch nur etwas Selbstverständliches. Exkommuniziert zu sein, das ist schon ein schlimmer Eingriff in mein Leben. Ich darf jetzt die Hostie nicht mehr empfangen und die anderen Sakramente auch nicht.

Am DONNERSTAG, an Mariä Himmelfahrt, werde ich sicher nicht in unsere Pfarrkirche gehen. Zwar kann mir das keiner verbieten. Aber ich würde Gefahr laufen, bei der Kommunion vom Pfarrer übergangen zu werden. Das möchte ich mir ersparen. Stattdessen werde ich zu Hause einen kleinen Gottesdienst feiern. Dazu ziehe ich vielleicht mein Priesteringewand an. Dass ich ausgerechnet Mariä Himmelfahrt nicht in der Gemeinde begehe, ist wirklich traurig. Schließlich ist Maria so etwas wie das Urbild einer Priesterin.

Am FREITAG hat sich Besuch aus Dortmund angekündigt: Herr Klusmann von der Initiative Kirche von unten. Die haben uns eigentlich immer unterstützt. Der Gruppe hat aber nicht gefallen, dass es Bischof Braschi war, der uns weihte, und dass uns keine Gemeinde als Priesterinnen berief. Es ist natürlich schmerzhaft, wenn man mit den eigenen Verbündeten nicht übereinstimmt. Darum habe ich Herrn Klusmann eingeladen. Ich hoffe mal, dass wir uns danach wieder besser verstehen.

Am SAMSTAG werde ich einkaufen gehen. Gehen müssen. Für mich ist Einkaufen keine Freude. Mir wäre es lieber, die Lebensmittel hielten sich ewig. Meine Mitbewohnerin Frau Müller und ich leben auf dem Land, wo man sich vom Sehen her kennt, und ein paar Leute werden uns sicher wieder ansprechen. Frau Müller ist auch eine von uns Frauen, die sich zur Priesterinnen weihen ließen. Wir kennen uns schon seit den sechziger Jahren. Es sind immer Frauen, die uns Mut zusprechen. Auch Briefe kommen fast immer von Frauen.

Am SONNTAG wäre es schön, wenn wir nach den ganzen Strapazen mal ein wenig Luft hätten. Die Medien waren ja wie verrückt hinter uns her. Und das, obwohl wir gar nicht die Sprecherinnen der Initiative sind. Schön wäre ein Ausflug in die Natur. Hier im Münsterland ist es flach, und man kann gut mit dem Rad fahren. Ich mit einem Zweirad und Frau Müller mit einem Dreirad, mit dem sie umgehen kann, obwohl sie vor 15 Jahren einen schweren Schlaganfall hatte.

Da am MONTAG bis jetzt noch keine Termine anstehen, werde ich sicher dazu kommen, meinen E-Mail-Briefkasten durchzuschauen. Da die anderen Priesterinnen in Deutschland und Österreich verstreut leben, schreiben wir uns oft E-Mails. Keine endet ohne gegenseitigen Zuspruch.

Am DIENSTAG habe ich eine Theologiestudentin aus Paderborn eingeladen. Sie will ihre Diplomarbeit über Frauen im Priesteramt schreiben und mich dazu befragen. Ich nehme nicht an, dass sie mir wegen unserer momentanen Prominenz geschrieben hat. Ich bin ja schon seit über 30 Jahren in der theologischen Arbeit tätig. Ich freue mich auf den Besuch, so komme ich mal wieder in Kontakt mit jungen Menschen. In der Kirche, in die ich bis vor kurzem noch gegangen bin, hat man die leider nur noch sehr selten gesehen.

Am MITTWOCH will ich ein wenig mit dem Kirchenrecht befassen. Mit dem Kanon, der die Frauen vom Priesteramt ausschließt, habe ich mich schon im meiner Dissertation vor 30 Jahren beschäftigt. Wir werden Beschwerden gegen das Dekret einlegen dann wird man die Strafe erst mal aussetzen. Es wär ja dumm, wenn wir die wenigen Mittel des Kirchenrechts nicht nutzen würden. Unsere Antwort darf nicht mehr zu lange auf sich warten lassen. Trotzdem soll sie fundiert sein. Wir werden dabei auch Gott um Hilfe anflehen. Ich versuche natürlich, während der ganzen Woche zu beten. Immer wenn ich aufstehe, bis zu den ersten Nachrichten im Radio. Eigentlich sollten wir auch für die Bischöfe beten, die gegen uns sind. Aber da ist so eine große Anonymität. Und dann denkt man spontan nicht so dran.

AUFGEZEICHNET VON MATTHIAS STOLZ