Vor ein paar Jahren ist ein Dozent der Salzburger Universität mit ein paar Jurastudenten nach Gössl gekommen

Gössl, hinterstes Salzkammergut, die letzten Häuser am Ende der letzten Straße. Hinter Gössl gibt es bloß noch weiße Felswände, einen 108 Meter tiefen fjordartigen See und das Tote Gebirge, Karstlandschaft, Einsamkeit, bitterkalte Winter. Nach Gössl also kam der Dozent mit seinen Jurastudenten, um herauszufinden, weshalb dort, seit 500 Jahren, ein Dorfrichter existiert. Und weshalb die Dorfbewohner niemals ordentliche Gerichte anriefen, wenn sie Ärger miteinander hatten. Schau, hat der Annerl Sepp damals dem Dozenten erklärt, es geht darum, dass ein jeder nachgibt. Und darum, dass das Nachgeben eine Stärke ist. Wir sitzen so lange beim Veit, bis alle nachgeben. So einfach ist das. Dann sind der Dozent und seine Jurastudenten wieder abgereist.

Seitdem ist keiner mehr gekommen, um nach der Dorfrichterei zu fragen oder gar nach der geheimnisvollen hölzernen Dorfrichterkiste. Und den Bauern aus Gössl, dem Annerl Sepp, dem Ötzer, dem Oder, dem Butterer, dem Rotbart, dem Kößler und dem Veit, ist das ganz recht so. Sieben Bauern sind sie noch unter den 400 Dorfbewohnern, und jährlich, in festem Turnus, übernimmt ein anderer von ihnen das Amt des Dorfrichters. Die Rotation sei wichtig, sagt der Annerl Sepp, der zuletzt 1999 Dorfrichter in Gössl war und noch immer vorgeschickt wird, wenn jemand eine Frage hat, obwohl zur Zeit der Ötzer amtiert.

Wissen's eh, wie es ist, sagt er, wenn es immer derselbe gewesen wäre, gäbe es uns nicht mehr! Dann lacht er schallend.

121 Weidetage. Ein schöner Herbst

Vielleicht gäbe es den ganzen Ort Gössl nicht mehr, wenn sie nicht immer alles geteilt hätten und nichts nach außen gelassen. War ja schwer genug, sich ein Auskommen zu sichern, eingepfercht zwischen dem Grundlsee und dem Toplitzsee und den Felswänden aus glattem Kalkgestein. Aus Not legten die Bauern von Gössl ihre Wiesen zusammen, teilten die Almen, errichteten zweieinhalb Kilometer Zäune, 30 Kilometer Wege und 22 Brücken. Räumten gemeinsam den Schnee, bauten Ställe, sogar die Schule und die kleine Kirche bauten die Bauern von Gössl selbst. Später legten sie die Wasserleitung, bauten eine Hütte am See, kauften ein Boot, den ersten Traktor. Sie bauten ein eigenes Elektrizitätswerk, eine Käserei, ein Sägewerk. Und als die Theatergruppe gegründet wurde, spendete jeder Bauer drei Planken für die Bühne.

Zurückblicken auf all die Werke der alten Gössler Bauern - das mag der Annerl Sepp, wenn er da auf der Holzveranda beim Veit sitzt. Der Veit, das ist seit 1886 das Herz von Gössl, mitten im verkehrsberuhigten Ortskern, große Kastanien, ein Brunnen. Zuerst eröffnete der alte Veit damals eine Jausenstation, dann wurde ein Wirtshaus daraus, heute ist der Veit ein Gasthof mit Fremdenzimmern und großem Saal. Wenn sie eng zusammenrücken, passen alle 400 Gössler auf die Stühle und Bänke beim Veit. Für die Dorfrichterei gibt es außerdem das Salettl, einen kleinen Anbau aus Holz mit Eckbank und Stammtisch. Dort sitzen die sieben Bauern dann beisammen, und irgendwo steht natürlich auch die Dorfrichterkiste. Wenn es früher einmal dick kam, saßen sie dort, bis alle nachgaben, der Veit sperrte dann einfach nicht zu, bis der Morgen graute. Wann sie zuletzt so lange beim Veit saßen, daran mag sich der Annerl Sepp nicht erinnern.