Am Tag, als Ignatz Bubis starb heißt eine Travestie auf den Siebziger-Jahre-Schlager Am Tag, als Conny Kramer starb, gebrannt auf die CD Nationale Deutsche Welle, gesungen von den Hasskappen der Gruppe Die Härte, herausgekommen, als Ignatz Bubis noch am Leben war. "Deine Judenhaut ist überreif", heißt es da, "wir pissen auf sein Judengrab." Das Lied taucht auf den Naziseiten des Internet immer wieder auf. Auch heute noch, auch morgen noch.

Am Tag, als Ignatz Bubis starb, war es heiß in Frankfurt, war keine Wolke am Himmel, konnte man bis zum Feldberg sehen. War klar, dass es noch heißer werden wird, dass Brandstifter durch die deutschen Wälder streichen, Zündler, Feuerteufel. Dass Schuld in Schande verkehrt, dass vergessen und vergangen wird, bis der Ewige Jude wieder durch die Wolfsschlucht geistert. Dass sich die Geschichte vom Ewigen Juden ewig forterzählen wird, weil es nicht die Geschichte des einen Juden ist, sondern die seines gemordeten Volkes, das als Volksgespenst umherirren muss, Mauschler, Schacherer, Gottesmörder, Kapitalisten, Revolutionäre, Zionisten und neuerdings auch Israelis.

Conny Kramer habe ich nicht gekannt, aber Ignatz Bubis. Er starb vor drei Jahren, am 13. August. Als Deutscher in Deutschland geboren, vor Deutschen nach Polen geflüchtet, war er nach zwölf Jahren Schrecken und Angst im Ghetto und in Arbeitslagern der einzige Überlebende seiner Familie. War durch die Nachschreckenszeit geirrt, war zurückgekehrt nach Deutschland, hatte Ida Rosenmann wiedergefunden und geheiratet, war im Wirtschaftswunder-Frankfurt zu Geld gekommen, belauert und beleidigt, beneidet und benutzt von solchen, vor denen er hatte flüchten müssen, von den linken Studenten als "jüdischer Spekulant" angeprangert und als "Geldjude" verschrien. Von den Waisenknaben und -mädchen, die keine Ahnung hatten, dass, was sie ahnden wollten, von jenem alten Hass gezeugt war, der jetzt in ihnen weiterzeugte, die nichtsahnend, unbelastet und unbeleckt gegen den "Volksfeind" aufmarschierten, scharf gemacht und aufgepeitscht für die "gerechte Volkssache" wie ehedem, ohne einen Hauch von Ahnung, dass der, gegen den sie da hetzten, wie ihre Väter ehedem gehetzt hatten, ein Opfer war, das durch die Schuld ihrer Väter nichts als das Überleben hat te lernen können, die keinen Dunst hatten, was Überleben heißt, die durch die Wut auf die Schuld ihrer Väter die Opfer vergessen hatten.

Wie hat Ignatz Bubis, der in Deutschland sein Überleben überlebt hat, überleben können? Wie hat er ertragen, dass sein Gemüsemann im Westend vielleicht der Mörder seines Vaters war, sein Schuster im Nordend vielleicht der Mörder seiner Schwester, sein Wäschemann im Ostend vielleicht der Mörder seines Bruders? Wie konnte er ertragen, unter Menschen zu leben, von denen die Grenze, die Schuldige von Unschuldigen trennt, so verwischt worden war, dass kaum einer mehr wissen konnte, ob er einem kleinen Helden oder einem großen Massenmörder gegenüberstand?

Erlösung durch Erinnerung Indem er die Geschäfte laufen ließ, von Dorf zu Stadt zog, von Schulzimmer zu Hörsaal, indem er das Verbrechen beschrieb und die Gefahr benannte, indem er den Töchtern und den Söhnen erzählte, was in den Schulbüchern nicht zu lesen war, indem er von der Schuld sprach und von der Unterlassungsschuld, von der Macht und von der Ohnmacht ihrer Väter und Mütter.

Indem er für die Totgestorbenen und für die Überlebenden, für jene, deren Gedächtnis mit jedem weiteren Tod immer weiter in Büchern und Steinen aufgeht, forderte, dass die Erinnerung an Tod und Überleben in der Chronik des deutschen Volkes festgeschrieben wird, da die Geschichte sonst an ihren Opfern vollzöge, was ihre Mörder an ihnen hatten begehen wollen, sie erst zu vernichten und danach die Erinnerung an sie zu tilgen.

Indem er seine Geschäfte hinter sich ließ, um denen, die sich den Zugang zu ihrer Schuld versperrt hatten, zu erklären, dass ihr Nachtgeflüster von Schande und Scham ihnen den Schulddruck nicht von der Brust nimmt, dass Schuld erst begriffen und danach auf sich genommen und dann getragen und dann abgetragen werden muss, bis Entlastung geschieht, bis Freiheit entstehen kann.