Irgend 'ne Low-Fi-Kultband", hatte Wolfie gesagt, "die muss ich mir heut abend anschauen." Jetzt steht er da, wippt ein bisschen mit, wirkt aber skeptisch. Richtig gut findet er die Combo nicht. Dead Moon prügeln Rock 'n' Roll. Nur wenn die Gitarre wie ein aufgebohrtes Kleinkraftrad durch die verrauchte Luft in der Leipziger Moritzbastei sägt, grinst er verzückt. Da regt sich der guitarrero.

Doch der leidet im Moment gleich doppelt. Denn Umami, Wolfgang "Wolfie" Enards Band, hat sich gerade aufgelöst. Die Sängerin war seine Freundin, dann war sie es nicht mehr, und deshalb ging Musikmachen mit ihr nicht mehr, ohne sie auch nicht. Eine neue Band wäre also schön, aber nicht sofort. "Man braucht eine Trauerphase, wie nach einer kaputten Beziehung." Und das ist ein Problem. Ohne das Musikmachen wird bald auch seine Forschung leiden, fürchtet er.

Forschung? Für die nächste Imagekampagne der Max-Planck-Gesellschaft käme Wolfgang Enard, 31 Jahre alt, nicht als Model infrage. Verstrubbelte Antifrisur, unentschiedener Nichtmehr-Stoppelbart. Zu Hause hat der Mann sechs Gitarren rumstehen. Und wer mit ihm über Forschung sprechen will, wird von seinen Kollegen am Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie (EVA) gleich vorgewarnt: "Da kommen Sie besser nachmittags."

Meist so um ein Uhr rollt Enards kirschbonbonroter Renault auf den Parkplatz vor dem Institut, dann tapst er aus dem Wagen, schließt die Hecktür des Kastenwagens auf, und hinaus springt Merlin - "ein Achtel Rottweiler, ein Achtel Collie, ein Viertel Schäfer und der Rest ein dominanter Schnauzer" - , sein ständiger Begleiter, auch er etwas struppig. "Morgens, also, na ja", gesteht der jungenhafte Forscher, "ich schaff das irgendwie nicht." Entert das Institut durch den Innenhof, wo Grüppchen von Forschern, technischen Assistenten und Studenten beim Mittagessen in der Sonne sitzen, schaut mit einem Was-dagegen?-Lächeln durch den Flur im zweiten Stock des Instituts und strebt direkt zur Espressomaschine.

Mensch und Affe auf dem Chip

Nein, es hat niemand was dagegen. Erfolg macht unangreifbar, und Enards Chef, der Paläogenetiker Svante Pääbo kommt auch nicht so gern früh ins Labor.

Erfolg haben sie auch so. Der gebürtige Schwede Pääbo hatte schon Primadonnenstatus in der deutschen Forschungsszene, als er 1997 schlagartig richtig berühmt wurde. Damals arbeitete er noch an der Münchner Universität, und es war ihm als Erstem gelungen, Genmaterial vom Neandertaler aus versteinerten Knochen zu isolieren. Der Genvergleich zwischen Mensch und einem evolutionären Vorfahren ergab: Der Neandertaler war nur ein entfernter Cousin des Menschen. In München war Pääbo der Patenschaftsprofessor des Biologiestudenten Enard, man traf sich im Biergarten und zum Wandern, die beiden wurden Freunde. So erfuhr Enard auch von den neuen Plänen des Schweden. Mit der Entzifferung des menschlichen Erbguts und den neuen Techniken zur massenhaften Durchleuchtung von Genen und ihren Aktivitätsmustern müsse es nun möglich sein, erste Antworten auf eine uralte Frage zu finden: Was macht den Menschen aus?