Die CDs heißen Noten des Hasses oder Ran an den Feind. Die Bands nennen sich White Aryan Rebels und Landser. "Mit der Lizenz zum Töten ziehen wir dann durch das Land/Dann wird alles Kranke erschlagen und niedergebrannt", singen etwa die White Aryan Rebels. Die Lieder gehören zum Härtesten, was es an deutschem Nazi-Rock gibt: Landser ist die Kultband der Szene schlechthin, mit fünfstelligen Verkaufszahlen. Und nachdem im Frühjahr 2001 die erste CD der White Aryan Rebels erschien, sprachen Experten von einer "neuen Qualität der Gewaltpropaganda" - in den Hassliedern werden zum Beispiel Michel Friedman, die Kinder von Boris Becker und der Brandenburger Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg mit dem Tode bedroht.

Ein knappes Jahr nachdem im NPD-Verbotsverfahren V-Männer des Verfassungsschutzes aufflogen, wird nun bekannt: Nicht nur in der gefährlichsten rechtsextremistischen Partei sitzen V-Leute an maßgeblichen Stellen, sondern auch bei der Produktion von Rechts-Rock, der wichtigsten "Einstiegsdroge" für junge Neonazis. Die Platten von Landser und White Aryan Rebels wurden von staatlichen Spitzeln vertrieben - wenn nicht sogar mit staatlichen Geldern produziert.

Der Fall des 27-jährigen Toni S. aus Guben erschüttert gerade die Sicherheitsbehörden in Berlin und Brandenburg. Der Mann wurde am 20. Juli bei einer Razzia der Berliner Polizei festgenommen, die Beamten wollten die Zweitauflage der Noten des Hasses konfiszieren. Nun streiten beide Länder: Der Potsdamer Verfassungsschutz, wo S. als V-Mann geführt wurde, wirft den Berlinern vor, sie hätten eine ihrer besten Quellen verbrannt. In Berlin hingegen meint man, die Brandenburger hätten einen Straftäter unterstützt und geschützt. Gegen den V-Mann-Führer in Potsdam ermittelt nun die Berliner Staatsanwaltschaft wegen Strafvereitelung.

Wieder einmal stellt sich die heikle Frage: Was dürfen V-Leute, damit sie in der Szene nicht auffallen? Per Dienstvorschrift sei dieser Punkt genau zu regeln, steht schon seit neun Jahren im Brandenburger Verfassungsschutzgesetz. Jetzt musste Behördenchef Heiner Wegesin zugeben, dass es eine solche Liste bis heute nicht gibt. Tatsächlich existieren, soweit bekannt, auch in anderen Bundesländern lediglich Faustregeln dafür, wie viel Verstrickung den Informanten erlaubt ist. Einen exakten Katalog enthält das niedersächsische Verfassungsschutzgesetz. Dort haben V-Leute unter anderem folgende Freiheiten: Sie dürfen bei Demonstrationen Uniformen und Waffen tragen. Sie dürfen Urkunden fälschen. Sie dürfen zur Teilnahme an verbotenen Demonstrationen aufrufen, den Hitlergruß zeigen oder sich Hakenkreuze auf die Jacke nähen. Eben alles, was zum Rüstzeug des glaubwürdigen Neonazis gehört. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat zwar eine Dienstvorschrift für seine V-Mann-Führer aufgestellt. Diese zeigt allerdings keine konkreten Schranken auf. Die Kölner Geheimdienstler wollen damit verhindern, dass die Szene ihre Zuträger auf Mutproben stellen kann.

Sprich, wer nicht bereit wäre, für die nationale Sache die staatlich garantierte Unschuld zu verlieren, enttarnt sich allzu schnell als V-Mann.

Ein ebenso schlüssiges wie abschüssiges Argument: Wie will man überhaupt verbindliche Grenzen ziehen, wenn die Schwelle vom Mitläufer zum Mittäter gezielt im Unklaren bleiben soll?

Möglicherweise schlummert beim Bundesverfassungsschutz der nächste V-Mann-Skandal: Die Kölner Behörde habe über Jahre Mirko H. aus Sachsen abgeschöpft, hieß es Anfang der Woche übereinstimmend in Zeitungsberichten.

Der heute 27-Jährige aus einem Dorf nahe Sebnitz ist seit über zehn Jahren in der militanten rechten Szene aktiv, hat Verbindungen zu den Skinheads Sächsische Schweiz (SSS), denen in Dresden gerade der Prozess wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung gemacht wird. H. profilierte sich als Anführer der deutschen Sektion der berüchtigten Hammerskins. 1997 gründete er mit 13 000 Mark Existenzgründerzuschuss des Arbeitsamtes die Firma HA-Records, Geschäftszweck: "Produktion von Tonträgern und Vertrieb, Produktion von Merchandise (Werbung), Textilien und Vertrieb, Versandhandel". Schnell stieg H. zu einem der wichtigsten rechten Versandhändler auf, kreierte die Kleidungsmarke Hatecrime Streetware, produzierte zahlreiche Nazi-Rock-Alben, unter anderem von Landser, deren Mitglieder im Herbst 2001 wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung verhaftet wurden. Im Sommer vergangenen Jahres beschlagnahmte die Polizei bei H. 10 000 CDs und mehrere Schusswaffen.

Zurzeit sitzt er eine zweijährige Haftstrafe wegen Volksverhetzung ab. H.

brüstete sich in Interviews: "Ich bin schon immer bekennender Nationalsozialist und war nie anders eingestellt." Er gilt als einer der härtesten Skinhead-Führer Deutschlands - und genoss das Vertrauen des Bundesverfassungsschutzes.

Er war nicht der einzige Propagandist des Hasses mit einem kurzen Draht zum Staat: Im Sommer 2000 flog Carsten S. auf, der sechs Jahre lang V-Mann des Brandenburger Verfassungsschutzes war. 1992 versuchte er mit Kumpanen, einen afrikanischen Asylbewerber zu ertränken und wurde wegen versuchten Mordes verurteilt. S. hat jahrelang Nazikonzerte organisiert, vertrieb in Königs-Wusterhausen Bücher und CDs mit rechtsextremem Inhalt und war bis zum Jahr 2000 Herausgeber des ältesten deutschen Skin-Blättchens United Skins.

Darüber hinaus haben sich noch mindestens zwei hohe Kader der Nazimusikszene als V-Männer anheuern lassen: Marcel D. aus Gera für den Thüringer Verfassungsschutz und Sven S. aus Werder für das Landeskriminalamt in Brandenburg. Seit kurzem kursieren in der Neonaziszene Kopien von Akten der Oberstaatsanwaltschaft Halle und des LKA Magdeburg, in denen beide als Spitzel benannt werden und die der ZEIT vorliegen. D. war Führer der Thüringer Sektion des mittlerweile verbotenen Skinhead-Netzes Blood& Honour, S. agierte in gleicher Position in der Sektion Berlin-Brandenburg. S.

betreibt bis heute den Versand Hate-Sound und steht im Verdacht, das Blood&Honour-Verbot zu unterlaufen.

Mit Verweis auf "operative Dinge" verweigern die Verfassungsschützer zu allen Fällen einen Kommentar. Den Verdacht, dass sie mit dem Agentenlohn auch die Produktion rechter Hasspropaganda gefördert haben, können sie naturgemäß nicht widerlegen. Mirko H., der Manager von Landser, ließ sich jedenfalls kurz vor Haftantritt in der Skinhead-Postille Der Bewährungshelfer interviewen. Ob sein Plattenlabel denn ausreiche, ihn "zu ernähren", wird er gefragt. "Falls was hängen bleibt, was machst du mit der Knete?" H.s Antwort: "Das, was hängen bleibt, geht immer wieder in die nächsten Produktionen oder in andere Projekte."