Überall machen sie sich bestimmt nicht beliebt mit ihrer Feier. 50 Jahre Agrargenossenschaft - so viel Kontinuität mit der DDR verträgt nicht jeder.

Till Backhaus, Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, ist jedenfalls nicht gekommen, obwohl der ehemalige DDR-Meister der Agrotechnik sich sonst bei alten Berufskollegen gern sehen lässt.

Aber Adolf Fechtner ist da, Jahrgang 1905, der in den sechziger Jahren als Letzter in die Genossenschaft gegangen ist und sich bis zum Schluss jedes Mal geärgert hat, wenn die anderen das Bekenntnis zur sozialistischen Landwirtschaft aufsagten: Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein. Und Schorsch ist auch gekommen, der 81-jährige Georg Nitschkowski, der in Ostpreußen gelernt hat, Güter zu leiten und 20 Jahre lang in Brüsewitz LPG-Vorsitzender war.

Sie begrüßen sich, die ehemaligen und heutigen Mitglieder der Genossenschaft, wie Bauern das tun, mit kräftigem Händedruck, und reden gleich über das Wetter, das immer wichtiger ist als alles andere. Bin heute morgen durchs Feld gegangen, sagt einer, ganz schön nass noch. Die Gerste ist ab, jetzt sind Raps und Weizen dran, und alle warten unruhig auf Erntesonne.

Die meisten Nachfolgeunternehmen der LPGs haben im vergangenen Jahr ein anderes Jubliäum gefeiert: zehn Jahre Neugründung nach der Wende. Dabei war vielen gar nicht nach großen Festen zumute. Zu viel BSE, zu viel Nitrofen, zu viele öffentliche Angriffe auf die Agrarfabriken. Aber Uwe Krause, früher Hauptbuchhalter der LPG und heute Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft, ließ sich nicht abhalten. 50 Jahre Agrargenossenschaft, das sind 50 Jahre Leben in Brüsewitz, das wir alle miteinander gestaltet haben!, ruft er ins Mikrofon.

Applaus im großen Festaal. Dann blasen die Brüsewitzer Jäger Reh tot in ihre Hörner, der Landchor singt vierstimmig von leuchtenden Wiesen und fleißigen Bauern, und einige gucken nach oben, weil unter der Decke des Kulturhauses Freier Bauer Brüsewitz, gleich neben der kleinen Diskokugel, plötzlich ein Schmetterling flattert. Es muss ein schöner Moment sein für die alte Garde, die Brigadiere, Traktoristen und Melker von damals, all die Männer mit ihren schwieligen Arbeiterhänden, die heute ihren besten Sonntagsanzug tragen.

Wir wollen nicht viel von Zahlen reden, sagt Uwe Krause nicht so wie zu DDR-Zeiten, als bei solchen Gelegenheiten Milchleistung und Hektarerträge gepredigt wurden. Nein, heute wirft Krause alte Fotos an die Leinwand und ruft die Menschen wieder ins Gedächtnis: Dieter Grant zum Beispiel, der als Erster den gewaltigen russischen Mähdrescher Stalinetz ausprobierte. Oder Siegfried Blödorn, den ewigen Zweiten beim Leistungspflügen, der dann doch einmal DDR-Meister wurde. Und dann erzählt der Redner den Gründungsmythos der LPG Brüsewitz, die Geschichte von Paul Witkopp, der Anfang der fünfziger Jahre als Erster sein Pferd zusammen mit dem des Nachbarn vor den Pflug spannte und so den anderen Bauern zeigte, wie die Arbeit im Kollektiv das harte Bauernleben erleichtert.

Freier Bauer - der Name klang für viele in der DDR wie Hohn Aber: Dieses ganze Politische lass ich mal weg, fährt Uwe Krause fort, weil man sich ja eh nur immer der Zeit anpassen muss. Wer würde da widersprechen im Saal. Auch 1952 nach der II. Parteikonferenz der SED waren sie als Zweitschnellste im Bezirk Schwerin mit dabei, als Walter Ulbricht die Bauern aufrief, durch freien Entschluss zur gemeinsamen Bodenbearbeitung überzugehen.

Freier Bauer Brüsewitz: der Name der Genossenschaft, der heute noch draußen am Kulturhaus steht, in schrägen schwarzen Buchstaben mit einer goldenen Ähre darüber - für viele Bauern, die damals die Nutzungsrechte ihres Landes an die LPG abgeben mussten, klang ein solcher Name wie Hohn. Viele Hofbesitzer sind vor der Kollektivierung in das andere Deutschland geflohen viele sind geblieben und zerbrochen. Aber in Brüsewitz, da fühlten sie sich wirklich frei. Vielleicht lag das daran, dass die meisten LPG-Genossen keine Bauern waren, sondern Schuster, Bäcker und Schlosser, Vertriebene aus dem Osten, die bei der Bodenreform 1945 ein Stückchen Land bekommen hatten und nun nicht recht wussten, was sie damit anstellen sollten.

Geholfen haben ihnen Adolf Fechtner, der was verstand von der Landwirtschaft, und Schorsch Nitschkowski, der ostpreußische Großbauernsohn, der als bester Agronom nach Brüsewitz geschickt wurde. Das war ja unproblematisch, in Ostpreußen gab es ja nur Kommunisten, kommentiert Vorstand Krause verschmitzt, und alle wissen, dass er das Gegenteil meint dass manche der Ostvertriebenen verdächtige Parteiabzeichen auf der Flucht verloren hatten.

Die hatten es leichter, fährt Krause fort, heute trifft manchen nach zehn Jahren noch eine Akte.

Die Genossenschaftsbauern nicken. Anderswo bekommen die Alten im Osten immer wieder zu hören, dass nicht viel geblieben sei von dem Land, in dem sie gelebt haben hier sagt ihnen endlich einer, dass ihre Arbeit sich gelohnt hat. Tatsächlich ist die Landwirtschaft der einzige sozialistisch geprägte Wirtschaftszweig, der - bei allen Krisen - mehrheitlich in ostdeutscher Hand liegt und sich, zumindest betriebswirtschaftlich, als erfolgreich erwiesen hat den kleineren westdeutschen Familienbetrieben ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Uwe Krause ist im letzten Jahr zum Vorstandsvorsitzenden der Molkerei Hansa-Milch Mecklenburg-Holstein gewählt worden, mit westdeutscher Stimmenmehrheit. Noch vor fünf Jahren wäre das nicht möglich gewesen, da gab es zu viele Vorbehalte gegen uns. Aber heute kommen manche Bauern von drüben sogar zur Besichtigung. Krause ist, wie es so heißt, im Westen angekommen.

Er erklärt den alten Genossenschaftsbauern den Kapitalismus: Technik rein, Menschen raus, das mussten wir lernen, sehr bitter, aber dazu gab es keine Alternative. Von 169 Arbeitsplätzen sind 20 übrig geblieben, von 200 Genossen noch 13, das dürfte erklären, warum heute fast nur Rentner gekommen sind und kaum Frauen. Wer will schon Grußworte vom Bürgermeister und Futtermittelvertreter hören, wenn er noch arbeiten könnte, aber nicht mehr gebraucht wird.

Heidemarie Hüske, die in der LPG Buchhaltung gelernt hat, ist trotzdem hier.

Ich hab mir dann eine andere Arbeit gesucht, im Finanzamt, sagt sie so leicht dahin, als wäre es für alle ebenso einfach gewesen wie für sie. Je weiter weg, desto schöner werden die Zeiten, als sie alle zusammen auf den Acker gingen, hart arbeiteten, aber in Gemeinschaft. Nun sitzt Hüske am Tisch des Frauenvereins und überlegt mit den Damen, ob ihnen die Schirmmützen mit dem neuen Logo der Agrargenossenschaft, Kuhkopf und Ähre, wohl beim Erntefest zu Gesicht stünden.

Seit 1995 machen sie in Brüsewitz wieder einen Festumzug, und der Frauenverein schmückt seinen Wagen mit selbst gezogenem Gemüse. Mehr als 150 Leute sind im vergangenen Jahr gekommen, ohne parteilichen Zwang!, ruft Krause, daran sehen wir, dass wir das richtig gemacht haben. Das Erntefest dient dem Zusammenhalt von Genossenschaft und Dorf, genau wie die freiwillige Feuerwehr. Aber es dient auch dem Geschäft.

Krause muss sich gut stellen mit den Rentnern, denn ihnen gehört der Acker, jedem ein kleines Stückchen Bodenreformland, das sie Jahr für Jahr der Genossenschaft neu verpachten. Deshalb bekommt heute jeder eine Bierflasche mit Sonderetikett 50 Jahre Agrargenossenschaft und ein Mittagessen am Büfett. Und Krause wiederholt beständig, wie demokratisch es stets zugegangen sei in der LPG. So ist der Osten: Die Vorsitzenden sprechen von Beteiligung, die Mitarbeiter sagen, im Alltag werde aber immer noch gemacht, was der Chef sagt. Einen Unterschied gibt es: Die Partei, die SED, funkt nicht mehr dazwischen.

Anderswo hat man Anteilseigner um ihr Geld betrogen. Hier nicht In Brüsewitz wählen die Genossen den Aufsichtsrat, der den Vorstandsvorsitzenden bestimmt. Der ist dann der Boss, ähnlich wie der Geschäftsführer einer GmbH. Nur bei grundsätzlichen Entscheidungen müssen die Mitglieder zustimmen, etwa wenn die Milchkühe verkauft werden sollen. Uwe Krause nahm die Genossenschaftsidee zudem ernst, indem er ein neues Erbrecht erdachte: Sollte das Unternehmen Land oder ganze Betriebszweige verkaufen, ohne wieder zu investieren, werden alle Genossen, die in den vergangenen 20 Jahren ausgeschieden sind, an den Erlösen beteiligt. Anderswo haben findige Vorsitzende die LPG in eine GmbH verwandelt und sich das Vermögen der Genossen in die eigene Tasche gesteckt. Das wird in Brüsewitz nicht passieren.

Nach dem Essen gehen Fechtner und Nitschkowski sich die beiden neuen Mähdrescher ansehen. Die Nachfolger vom Stalinetz heißen Lexion, kommen aus Ostwestfalen und haben neun Meter Schneidwerkbreite, 412 PS, 10 000 Liter Tankinhalt. Und eine Klimaanlage für den Fahrer. Solche Maschinen waren das Erste, was Nitschkowski nach dem Mauerfall im Westen gesehen hat. Wenn wir diese Technik auf unseren Feldern gehabt hätten, dann hätten wir auch so hohe Erträge gehabt, hat er damals gedacht. Jetzt guckt er, der 20 Jahre lang eine sozialistische Genossenschaft geleitet hat, Adolf Fechtner an und sagt: Wenn es die DDR noch gäbe, hätten wir solche Mähdrescher heute nicht auf dem Hof. Und Fechtner, der Bauernsohn, der immer weg von der LPG wollte, zurück auf seinen Hof in Polen, antwortet: Doch. Und er fügt hinzu: Die waren doch gut, die russischen. Aber, donnert Nitschkowski zurück, nur mit der Vielseitigkeit und Schlagkraft der Westmaschinen haben wir den Durchbruch geschafft! Das Problem ist jetzt: Wir brauchen die Menschen nicht mehr. Bei den Kühen gibt es weniger Konfliktpotenzial. Träge käuen sie in der Nachmittagssonne wieder und stehen auf, als die Besucher kommen. 170 Stück Vieh hat die Genossenschaft, für einen westdeutschen Familienbetrieb eine Riesenherde, für LPG-Verhältnisse eher bescheiden. Rüdiger Schröder, der Chefmelker, der in der LPG bis zur Wende Schäfer war, ist kein Mann der technischen Superlative. Die Natur hat es doch vorgegeben, so erklärt er, warum seine Kühe auf Stroh stehen statt auf den billigeren Vollspaltenböden.

Sie geben 9000 Liter Milch im Jahr, und wenn andere auch 11 000 geben, so meine ich, das ist doch genug. Dann zeigt Schröder stolz, wie das Fell der Kühe in der Sonne glänzt und wie die neugeborenen Kälber bei ihren Müttern saufen. Aber junge Leute, die morgens um drei zum Melken kämen, die fände man kaum noch. Die wollen lieber auf den Schlepper.

Seine Mitschüler nennen ihn dummer Bauer. Nur im Scherz Schon okay bei den Kühen, aber für immer, das möcht ich nicht, sagt wie zur Bestätigung einer der beiden Lehrlinge. Toni Rahn, 17 Jahre alt und im zweiten Ausbildungsjahr, ist bei der Gerstenernte auf dem Mähdrescher mitgefahren und durfte ein paar hundert Meter weit selbst ans Steuer. Seinen Mitlehrling Carsten Neumann nennen seine Freunde oft dummer Bauer, aber nur im Scherz. Früher hat sein Vater den Bruder öfter zum Treckerfahren mitgenommen als ihn. Heute fährt er selbst die großen Schlepper. Was denken sie, wenn sie hören, wie die Alten von früher erzählen? Vielleicht fehlt heute ein bisschen, dass man abends ab und zu zusammen feiert. Und früher war die Arbeit in der Landwirtschaft noch besser angesehen. Glauben sie, dass sich die Genossenschaft behaupten wird? Und sich nicht in eine GmbH umwandelt, wie schon die Hälfte der ehemaligen LPGs es getan hat? Man muss eben sehen, wie das Geld reinkommt, sagt Toni Rahn. Hauptsache, wir behalten unsere Arbeit.

Ganz am Ende der Feier, bevor die Jagdhornbläser ein letztes Signal spielen, bedankt sich Uwe Krause bei allen, und ganz besonders bei unserem Adolf Fechtner, der mit seinen 97 Jahren extra aus Bielefeld gekommen sei, was die große Verbundenheit mit unserer Genossenschaft zeige. Da steht Adolf Fechtner auf, ein kleiner, alter Mann mit großen Brillengläsern, fast 100 Jahre alt und ohne Glatze, hebt den Arm und winkt mit der Hand langsam auf und ab, ein Gruß aus einer anderen Zeit.