Wenn man lange lebt, merkt man, wie sehr sich unsere Träume und Wünsche mit der Zeit verändern. Zuerst haben wir von einem neuem Auto geträumt, einem eigenen Häuschen, einem besserem Job und manche sogar vom Aussteigen. Aber wenn man einen 100. Geburtstag feiert, sind solche Dinge belanglos. Die Träume und Wünsche sind nun von einer ganz anderen Art. Sie sind drängender und genauer. Hier bei uns werden Geburtstage gefeiert mit Freunden und Geschenken, die damit ihre Liebe und Anhänglichkeit zeigen wollen. Aber diesmal bin ich es, die ein Geschenk machen will. Mein Geburtstagsgeschenk an die Welt wäre also ein Traum, der Traum vom Überleben unserer Natur.1963, als Martin Luther King seine I have a dream-Rede hielt, lebte ich mit den Nuba in einem kleinen Dorf - Tadoro - im südlichen Sudan. Diese Rede war ein Meilenstein im Kampf für die Gleichheit der Völker. Leider haben Dr. Kings Worte die Nuba-Berge nie erreicht.Die Nuba waren in einem kritischen Moment meines Lebens gut zu mir. In den sechziger und siebziger Jahren lebte ich immer wieder für längere Zeit bei ihnen. Die Freundlichkeit und Menschlichkeit dieses Stammes haben mich sehr berührt. Die Nuba sind für mich ein Symbol für das harmonische Zusammenleben von Menschen mit der Natur; heute ist es ein Stamm, der ums Überleben kämpft. Ich habe oft versucht, ihnen zu helfen, zum Beispiel durch den Bau von Brunnen und durch medizinische Versorgung.Vielleicht gibt es nun ein wenig Hoffnung. Zu Beginn dieses Jahres gibt es in den Nuba-Bergen eine Waffenruhe. Vor wenigen Tagen entschieden die beiden Parteien, eine Volksabstimmung abzuhalten, in der 2008 über eine Trennung des Südens vom arabischen Norden entschieden werden soll. Aber das sind sehr neue Nachrichten. Das Überleben dieser Stämme wird nur möglich sein, wenn ethnische Rechte und Religionstoleranz im Sudan und ganz Afrika gewährt werden.Oft kehre ich in meinen Träumen zu den Nuba-Bergen zurück. Die Nuba haben mir gezeigt, wie wichtig die Natur für uns Menschen ist. Es war ihr Einfluss, der mich schließlich, fast wie unter Zwang, hinunter zum Meer führte, nach Kenia, wo ich tauchen lernte. Damals war ich 71. Und ich war erschrocken zu hören, dass ich zum Tauchen zu alt sein sollte. Aber mein Traum, die Unterwasserwelt zu sehen, war so stark, dass ich mich kurzerhand entschied, mein Geburtsdatum zu ändern - und noch heute freue ich mich darüber.Ich habe mich von frühester Jugend an für die Natur und damit zwangsläufig für Umweltfragen interessiert. Den Verfall der Meere habe ich zum ersten Mal zu Beginn der achtziger Jahre bemerkt. Heute sind unsere Ozeane so schmutzig, dass Teerklumpen jeder Größe auf der Oberfläche schwimmen, in einer Lauge von Seifenschaum. Hier und da sieht man, schimmernd, Diesel und Heizöl. Diese Verschmutzung über Jahrzehnte ist erschreckend und ekelhaft. In meinem neuen Film wird das aber nicht gezeigt. Indem ich die Schönheit der Unterwasserwelt zeige, möchte ich ins Bewusstsein rufen, was die Welt verliert, wenn nichts gegen die Zerstörung der Meere unternommen wird.Es ist ein Garten purer Harmonie. Wenn man taucht und die Wunder des Ozeans erfährt, dann erkennt man den Sinn der Worte Kings: Free at last! - endlich frei.Ich war niemals in der NSDAP und fühle mich nicht der Naziideologie verbunden. Die einzige Organisation, der ich angehöre, ist Greenpeace. Seit etwa zehn Jahren bin ich aktives Mitglied. Ich konnte es nicht mehr aushalten, so viele Jahre an den schönsten Plätzen zu tauchen und den Verfall des Meeres zu sehen. Die systematische Ausbeutung unserer Ozeane hat unseren Fischbestand komplett zerstört. Und die Liste ist endlos: Die Zahl der afrikanischen Elefanten ist in den letzten 30 Jahren von 1,2 Millionen auf jetzt 500 000 gefallen. Und die Politiker sprechen von der Aufhebung des Verbots des Elfenbeinhandels. Die Zahl der Schwarzen Nashörner ist von 65 000 auf 3100 gefallen. Die letzte Studie des World Wildlife Fund zeigt, wie sehr man unseren Planeten ausgeplündert hat - man würde zwei neue Planeten brauchen, um bis 2050 unseren heutigen Lebensstandard zu erhalten. Weil dies natürlich unmöglich ist, müssen wir etwas tun, oder uns droht ein schreckliches, nicht zu beschreibendes Ende.Wir müssen sofort beginnen. Wenn wir es nicht tun, werden wir den Kampf, unsere Erde zu retten, verlieren. Wir müssen uns mehr aufregen und mehr erregen. Das ist ein Anfang. Es sollte uns egal sein, was Industriebosse oder Berufspolitiker sagen. Genug ist genug! Viele ältere Menschen haben die Schönheit unserer Erde gesehen, und wir müssen sie wiederherstellen für künftige Generationen. Und darum habe ich, Leni Riefenstahl, immer neue Pläne und Träume.Leni Berta Helena Amalie Riefenstahl wurde am 22. August 1902 in Berlin geboren, als Tochter eines Installateurmeisters. Nach einer ersten Karriere als Ausdruckstänzerin spielte sie Hauptrollen in Bergfilmen und führte 1932 Regie bei ihrem ersten eigenen Film "Das blaue Licht". Es folgten "Sieg des Glaubens" über den 5. Reichsparteitag der NSDAP, später "Fest der Völker" und "Fest der Schönheit" über die Olympischen Spiele. Beide gelten heute als suggestive Meisterwerke im Dienst der Naziideologie. Der NSDAP war Leni Riefenstahl aber nie beigetreten. Urteil der Spruchkammer 1948: "Mitläuferin - nicht betroffen." / Sie selbst bezeichnete sich immer als unpolitisch. In den siebziger Jahren fotografierte sie für "Life" und "stern" die Nuba-Völker im Zentralsudan und 1976 als Ehrengast des IOC die Olympischen Spiele. Vor zwei Jahren kehrte sie noch einmal zu den Nuba zurück, deren Überleben von einem seit 17 Jahren dauernden Bürgerkrieg um Ressourcen und Religion bedroht ist. Zum 100. Geburtstag von Leni Riefenstahl meldet sich nun eine andere ethnische Minderheit, die einst von ihr gefilmt wurde: Eine Vereinigung von Sinti und Roma veröffentlichte eine Liste von 48 damals so genannten Zigeunern, die sie 1940 für ihren Film "Tiefland" zwangsverpflichtet hatte. 20 von ihnen starben nach den Dreharbeiten in Konzentrationslagern (seit einem Urteil von 1987 darf nicht mehr behauptet werden, Riefenstahl habe bereits während der Dreharbeiten gewusst, was ihren Komparsen bevorstünde). / In einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche verlangten die Überlebenden nun, dass ihre Namen im Vorspann des Films genannt werden. In einer Stellungnahme dazu hat Leni Riefenstahl das Leid bedauert, "das Sinti und Roma während des Nationalsozialismus haben erleiden müssen". Ihr sei "heute bewusst, dass viele von ihnen in Konzentrationslagern umgekommen sind"