Sie war das, was der erotische Volksmund eine Femme fatale nennt: Lou Andreas-Salomé. Wedekinds Lulu und Strauss' Salomé scheinen ihr den Namen entliehen zu haben

Sacher-Masochs sadistisches Pelztier gab das Fantasiebild vor. Friedrich Nietzsche und Paul Rée, auch der Mann, den sie heiratete, liebten sie wie etliche andere unglücklich, Rainer Maria Rilke wie etliche andere wenigstens eine Zeit lang glücklich. Und selbst dem Stoiker Freud gewann sie innige Sympathien ab.

Auf der Gegenseite Elisabeth Förster-Nietzsche. Sie war das, was der Volksmund weniger wohlwollend eine Furie, eine skrupellose Intrigantin nennt - eifersüchtig über ihren berühmt werdenden Bruder und sein Erbe nebst dem ideologischen Erbe ihres antisemitischen Mannes wachend, rücksichtslos in ihrem Willen zur Bemächtigung, kompromisslos in ihrem Hass. Das Ressentiment hat in ihr eine Personifikation gefunden, das Werk Friedrich Nietzsches seinen bösen Dämon: auch sie, wenngleich in einem anderen Sinn, eine Femme fatale.

So weit scheinen die Rollenbilder klar - und die Klischees verfestigt. Dass Elisabeth Nietzsche Furie, Intrigantin und böser Dämon nicht von Anfang an war, wird dabei wegretuschiert. Desgleichen bei Lou Andreas-Salomé, dass sie die eindrucksvolle Inkarnation eines gegen alle Widerstände durchgesetzten weiblichen Erkenntniswillens war. Bei beiden lohnt der Blick auf die unbekannteren Lebensphasen, auch der Vergleich zwischen den so ungleich anmutenden Frauen.

Das Doppelporträt von Dirk Schaefer zeichnet sich dadurch aus, dass es gerade nicht, wie der Titel irreführend nahe legt, primär auf den "Namen Nietzsches" fokussiert ist. Der Versuchung, die Lebensläufe von zwei Frauen zu konstruieren, die kinderlos bleiben und es dank der genialischen Produktivität der mit ihnen verbundenen Männer zu einer sekundärschöpferischen Ersatzschwangerschaft bringen, erliegt das Buch nicht.

Schaefer entfaltet vielmehr vergleichend eine Doppelbiografie, in der gegen die Fesseln von Herkunft, Milieu und Rollennormierung mit freilich unterschiedlichen Mitteln der weibliche Kampf um Selbstwerdung und Anerkennung geführt wird.

Das prägnant geschriebene, vorzüglich lesbare Buch vereint den Blick für das signifikante Detail mit dem für die historischen und psychologischen Zusammenhänge. Eine gewisse Schwäche des Buches liegt in dem sich gelegentlich verselbstständigenden Parallelismus. Welten liegen denn doch zwischen den fast gleichzeitig veröffentlichten Nietzsche-Werken von Lou Andreas-Salomé und Elisabeth Förster-Nietzsche. Und Lou Andreas-Salomés Weg zur Psychoanalyse ist nicht im Geringsten vergleichbar mit dem Weg zu einer "Bewegung", wie ihn Elisabeth Förster-Nietzsche zurücklegt.