Das war nach dem 11. September. Amerikanische Ermittler hatten den Prediger der Welt vorgestellt, als sie am 23. September vergangenen Jahres seinen Namen auf eine Liste von "weltweit aktiven Terroristen" setzten: Abu Qatada. Für ein paar Monate empfing der angeblich in Bethlehem geborene Apologet des Terrorismus regelmäßig die Weltpresse in seinem Haus im Westen Londons. "Es ist die Pflicht eines jeden Moslems, nach islamischen Gesetzen zu leben und sich nicht unterjochen oder von dem Lebensstil anderer, der USA zum Beispiel, versklaven zu lassen", klärte er einen Reporter des amerikanischen Fernsehsenders CNN auf.

Abu Qatada, groß und von einem buschigen Bart geziert, der bis zu seinem Bauch reicht, sprach kurz darauf auch mit der BBC: "Es ist doch eine unbestreitbare Tatsache, dass Amerika uns weder freundlich gesinnt noch vorurteilsfrei ist. Amerika ist unser Feind." Für den meistgesuchten Terroristen der Welt hat er nur lobende Worte: "Bin Laden ist ein guter Muslim, der das Anliegen des islamischen Staates vertritt." Sich selbst schrieb Abu Qatada nur eine bescheidene Rolle im Heiligen Krieg zu: "Ich bin ein unabhängiger Gelehrter. Ich habe bin Laden nie getroffen." Allerdings: "Wenn ich es hätte, würde ich es als gute Sache sehen und mich nicht dafür schämen."

Am 15. Dezember 2001 trat der korpulente Rauschebartträger vor die Tür seines kleinen Reihenhäuschens in der Noel Road. Er trug ein wallendes weißes Gewand und einen weißen Turban. Er verfrachtete seine hochschwangere Frau und vier Kinder in einen Ford Transit, setzte sich ans Steuer und fuhr davon. Seitdem fehlt von Abu Qatada jede Spur.

Warum ausgerechnet am 15. Dezember? An diesem Tag trat in Großbritannien ein neues Gesetz in Kraft, das Antiterror-Gesetz. Seither darf interniert werden, wer verdächtigt wird, Kontakt zu Terrorgruppen zu haben. Lange vor der Verabschiedung des Gesetzes hatte Scotland Yard eine Liste von Personen aufgestellt, die gleich nach Inkrafttreten festgenommen werden sollten. Ganz oben auf dieser Liste stand der Name Abu Qatada.

Mit richtigem Namen heißt der Prediger Othman Omar Mahmoud. Er lebte lange in Jordanien. 1989 setzte er sich nach Pakistan ab. 1993 kam er nach Großbritannien. Dort beantragte er erfolgreich politisches Asyl und Sozialhilfe. Bis zum 15. Dezember vergangenen Jahres lebte Abu Qatada in London. Er predigte regelmäßig im Gemeindezentrum Four Feathers in der Baker Street. Seiner Anhängerschar versicherte er, dass es im Heiligen Krieg erlaubt sei, Frauen zu töten. Und auch Kinder. Sie hätten schließlich noch nicht gesündigt. Ihnen würde auf jeden Fall die Gnade Allahs widerfahren. Kinder würden direkt ins Paradies einziehen.

Hat Abu Qatada mehr getan, als nur Hass und Terror zu predigen? Hat er junge Männer für den Dschihad rekrutiert? Die jordanische Justiz jedenfalls hält ihn schon seit Jahren für einen militanten Aktivisten. Ein jordanisches Militärgericht verurteilte ihn in Abwesenheit zum Tode. Abu Qatada wurde vorgeworfen, 1998 in eine Attentatsserie verwickelt gewesen zu sein, um König Hussein zu stürzen. Abu Qatada, da waren sich die Jordanier sicher, habe die Attentäter finanziert. Die Briten lehnten jedoch die Auslieferungsanträge der jordanischen Behörden ab. Sie dürfen niemanden in ein Land abschieben, wenn ihm dort die Todesstrafe droht.

Mittlerweile interessiert sich längst nicht nur die jordanische Justiz für den Verschwundenen. Der deutsche Generalbundesanwalt Kay Nehm hält Abu Qatada für "so etwas wie eine religiöse Autorität" der islamistischen Terrorszene. Und der spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzón, bekannt wegen seiner Ermittlungen gegen den früheren chilenischen Diktator Pinochet, nennt Abu Qatada "das geistige Oberhaupt der Mudschaheddin" und "bin Ladens Botschafter in Europa".