Hotelzimmer vereinfachen das Leben aufs Wesentliche: schlafen, waschen, lieben, ein Koffer mit Kleidern, dazu ein paar Dinge, die den Menschen unterscheidbar machen. Bei der Jazz-Ikone Chet Baker waren es die Trompete, das Besteck fürs Heroin und der Autoschlüssel zu seinem Alfa Romeo. Das Hörspiel Der lange Sturz beginnt und endet in jenem legendären Hotelzimmer in Amsterdam, in dem Chet Baker kurz vor seinem Tode am 13. Mai 1988 wohnte. Man weiß kaum etwas über die Umstände an jenem Abend vor dem tödlichen Fenstersturz: Für ein Versehen war das Schiebefenster nicht weit genug zu öffnen, andererseits keine Spuren eines Kampfes, das heißt eines Verbrechens. Doch darum geht es dem Musiker und Autor Michael Naura nicht in seiner "szenischen Phantasie". Das Hotelzimmer gilt ihm nur als der Ort, an dem der 60-jährige Trompeter in Halluzinationen, Erinnerungen und Musikfragmenten sein Leben wiederauferstehen lässt - Seven Steps To Heaven brummt er eine Komposition von Miles Davis und zeigt, wem er was verdankt.

Die Geschichte von Chet Baker - als "James Dean des Jazz" verkauft - ist der ideale Filmstoff vom Verlierer, der nur für seine Musik lebt - und würde doch als Filmstoff unglaubwürdig wirken. Also ist Naura so klug, diesen Geschichten die eigenen Fantasien entgegenzusetzen - "Verzeihung! Haben Sie meine Melodie gesehen?" In Traumfetzen begegnet Baker seinem Vater, der nicht will, dass sein Sohn die Musik der Nigger spielt, er sieht sich mit seinem alten Partner Gerry Mulligan, fiebert seine frühere Freundin Sherry herbei (eine schwächere Szene), liest den Brief eines 12-Jährigen an die geliebte Mutter. Es ist eine dantesche Irrfahrt durch Himmel und Höllen einer Karriere. Nahtlos geht die amerikanische Teufelsmusik ins europäische Erbe über, verknüpft das Hörstück Psalmen und Jazz, die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach mit elegischen Trompeten- und Flügelhornsoli von Herbert Joos, dem tänzerischen Vibrafon von Wolfgang Schlüter und Impressionen Michael Nauras am Klavier; Ulrich Matthes als belegte Stimme von Chet Baker könnte nicht eindringlicher sein. Am Ende steht das polizeiärztliche Protokoll über die fast alterslose Leiche des Mannes auf dem Bürgersteig, sie ist sachliches Gegenstück zur grausamen Poesie dieses Lebens.

Zwei Wochen lag der deutsche Dichter Georg Büchner bei den Freunden Caroline und Wilhelm Schulz im Krankenbett, bis er am 19. Februar 1837 im Alter von 23 Jahren an Typhus starb. Er hatte gehofft, nach der Flucht aus dem "Leichenfeld" Deutschland in Zürich zur Ruhe zu kommen, und fand doch nur den Tod. Als fiebrigen Wachtraum montieren der Schauspieler Martin Reinke und der Cellist Siegfried Palm Texte von Büchner zu einem stream of consciousness für eine Sprech- und eine Musikstimme. Von Büchners Ängsten vor neuer Verhaftung zieht sich der Bogen zu Beschreibungen des Hirns, vom Leiden an den menschlichen Automaten in Deutschland, denen "pünktlich pissen" der höchste Ausdruck eines reinen Gewissens ist, zu Zärtlichkeitsbildern von seiner Verlobten Minna in Straßburg. Er versucht festen Boden zu finden: im Kinderreim, im heilenden Bild, in der Ironie, doch er fällt wieder zurück in die Verzweiflung an der Wirklichkeit, springt wieder in die Bitterkeit.

"Doch sprach der Kranke immerfort", notierte 1837 Caroline Schulz (,Er nannte mich manchmal Schmid') und protokollierte zusammen mit ihrem Mann die letzten Tage des jungen deutschen Wilden. Es ist ein großer Monolog für zwei souveräne Stimmen geworden, in dem sich Lenz, Leonce und Lena noch einmal mit Danton treffen, Büchners wissenschaftliche Probevorlesung Über Schädelnerven sich über den Woyzeck legt. Befreit vom Zwang zum lehrreichen Feature, gewinnt das Hörbuch einen Sog, der das Wissen um das Werk Büchners nicht voraussetzt: Die Verzweiflung über die Enge des Lebens ist zeitlos.

"Ich glaube, es gibt Menschen, die unglücklich sind, unheilbar, blos weil sie sind." Mit eigenen Cello-Improvisationen - dazu Bach, Hindemith oder Zimmermann - trägt Siegfried Palm die zärtlich-wütende Stimme von Martin Reinke und befreit sie. Sie konnten die Enge nicht ertragen: 1837 und 150 Jahre später.

Michael Naura: Chet Baker - Der lange Sturz
Hoffmann und Campe, Hamburg 2002; 1 CD, 56'33 Min., 17,90 €, ISBN 3-455-32005-8

Georg Büchner: Das Fieber - Solo für zwei Stimmen
Mit Siegfried Palm (Cello) und Martin Reinke; Headroom, Köln 2001; 1 CD, 53'30 Min., 18,50 €, ISBN 3-934887-11-2