7 Tage mit Bernhard Nolz

Dass ich jetzt den Friedenspreis bekomme, das ist ein schöner Höhepunkt dieser traurigen Geschichte. Angefangen hatte sie mit meiner Rede vor Schülern eine Woche nach dem 11. September 2001: Ich hatte die USA scharf kritisiert und vor einem Krieg gewarnt. Die Schüler applaudierten, aber mein Schulleiter drohte mit einem Disziplinarverfahren, die Bezirksregierung suspendierte mich elf Wochen lang, und im Dezember wurde ich an eine andere Schule versetzt, 50 Kilometer weit entfernt.

Ich habe mich schon immer für den Frieden engagiert. Neben meinem Beruf als Lehrer arbeite ich ehrenamtlich als Geschäftsführer im Siegener Zentrum für Friedenskultur. Am DONNERSTAG richten wir dort die Räume her für eine Ausstellung des amerikanischen Fotografen Steven Benson. Seine Fotos zeigen Werbeschilder, wie man sie in den USA neuerdings sieht: Vorne steht, was die Hamburger kosten, hinten Sätze wie: God bless America! Benson kann seine Aufnahmen derzeit nicht im eigenen Land ausstellen, dazu seien sie zu kritisch, sagt er. Darum zeigen wir sie in Siegen, zum ersten Mal weltweit.

Am FREITAG, noch während der Ferien, treffen wir uns zur Lehrerkonferenz. Es wird für mich der erste Schuljahresbeginn an der Schule in Kierspe sein, an die mich die Bezirksregierung geschickt hat. Die Versetzung ist seit kurzem rechtswirksam, ich habe jedoch Widerspruch dagegen eingelegt. In der Konferenz besprechen wir, wer welche Klassen übernimmt. Ich unterrichte gerne die Neunte und Zehnte. Da kann ich den Stoff meiner beiden Fächer, Deutsch und Gesellschaftslehre, gut verbinden. Wenn ich in Gesellschaftskunde den Gewaltbegriff durchnehme, lese ich in Deutsch Archibald Douglas von Theodor Fontane. In dieser Ballade nimmt König Jakob Archibald in Sippenhaft, verbannt ihn, aber später begnadigt er ihn. Die sinnige Botschaft, die die Ballade überbringt: Ein Machthaber sollte seine Macht auch dazu nutzen, um Konflikte zu lösen. Am Nachmittag fahre ich nach Hannover zur friedenspolitischen Konferenz Ein Jahr Krieg gegen den Terror, Veranstalter sind unter anderem der DGB und Attac. Ich werde dort bei meiner Tochter übernachten. Das ist eine der wenigen positiven Seiten des Wirbels um mich: Ich habe den Kontakt zu ihr wiedergefunden. Davor war zehn Jahre lang Funkstille.

Am SAMSTAG, noch immer in Hannover, werde ich Konferenzteilnehmern von meinem Fall berichten und davon, wie hoch die Wellen nach meiner Rede damals schlugen in Siegen. Es lief eine regelrechte Kampagne gegen mich, ein CDU-Bundestagsabgeordneter nannte mich das fünfte Rad am Wagen des Terrorismus. Der 11. September hatte auch für meine Friedensarbeit schwerwiegende Folgen: Menschen, die vormals so dachten wie ich, pazifistisch nämlich, denken jetzt anders. Aber nach dem Golfkrieg und dem Krieg im Kosovo war es ähnlich.

Am SONNTAG ist weltweiter Antikriegstag, woran ja kaum noch jemand denkt. Ich werde mit ein paar Freunden nach Büchel fahren, zu dem dortigen Atomwaffenlager. Für eine Menschenkette rundherum werden die Leute wohl nicht reichen.

Am MONTAG fängt in Nordrhein-Westfalen die Schule wieder an. Ich freue mich auf den ersten Tag, obwohl ich die Wochen ohne Schüler genauso gut ausgekommen bin.

Für DIENSTAG hat der Schulleiter der neuen Schule mir generös freigegeben für die Preisverleihung. Ich bin im Grunde ein Mensch, der gerne gelobt wird.

7 Tage mit Bernhard Nolz

Deshalb war es besonders schlimm, als ich nach meiner Rede im September vorigen Jahres so angegriffen wurde. Dieser Preis, vergeben von Aachener Bürgern, gibt mir Selbstvertrauen zurück. Die zweite Preisträgerin, die Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses Barbara Lee, kann leider nicht kommen. Schade, denn ich hätte sie gerne gefragt, ob sie die Steven-Bensons-Fotos für gut hält. Der Abend wird sicher länger werden.

Am MITTWOCH werde ich ausschlafen und mich erholen. Auch ein wenig davon, dass ich einen Preis bekommen habe für Friedensengagement und Zivilcourage - etwas, das man doch eigentlich als selbstverständlich erachten sollte.

AUFGEZEICHET VON MATTHIAS STOLZ