Wohl in allen Städten gibt es Gemütshöhlen wie das Pfefferkorn. Hinter Butzenscheiben und angepapptem Fachwerk treffen sich hier die seelisch Ausgekühlten, wollen beim Doppelkorn die Stadtsteppe dort draußen vergessen.

Man kann es ihnen nicht verdenken. Hier, an Hannovers Aegidientorplatz, ist alles Straße, Kreuzung, Übergang, der Raum fließt, der Mensch treibt, nirgends fühlt er sich an- und eingebunden. Einzig das neue, großartige Glashaus gleich gegenüber vom Pfefferkorn, vor ein paar Wochen erst eröffnet, kündet von einer städtischen Gegenwelt: von Bindung, lustvoller Vielfalt, von einem Abenteuer namens Architektur. Es ist der gebaute Aufruf, die Schummerhöhlen zu verlassen.

Wer mit dem Auto dran vorbeifährt, wird sich zwar abgewiesen fühlen. Er sieht nur Strenge, eine Glashautperfektion, die neugierige Blicke abprallen lässt.

Wer aber zu Fuß geht, fühlt sich eingeladen, wird hineingesogen in das verblüffende Doppelleben dieser Architektur. Außen fügt sie sich ins strenge Blockraster der Stadt und bleibt bescheiden auf Mittelhöhe. Im Inneren indes übt sie sich im Unvorhersehbaren, türmt sich in schwindelnde Höhen und frönt dem Kuriosen. Dies Haus ist beherrscht und hemmungslos zugleich oder, anders formuliert: Es sucht den Zusammenhalt der Vernunft und bleibt doch einzig und irrational.

Zum Glück wird dieser Zwiespalt, die Dialektik von Gesellschaft und Individuum, nicht zur bedeutungsvollen Botschaft aufgepumpt. Nur für den, der sehen will, entwirft die Architektur ein Ideal- und Wunschbild voller Anspielungen, voller Wagnisse. Dass Kunst- und Kulturpaläste, manchmal auch Bürotürme nach dem Niegesehenen streben, daran hat man sich mittlerweile gewöhnt

hier aber ist ein Geldhaus entstanden, eine dieser Banken, die für gewöhnlich in die Sicherheit des Erwartbaren flüchten, die sich unnahbar geben, stolz gereckt und nach Ewigkeit strebend - Geld ist schließlich Vertrauenssache. Nicht so in Hannover: Wenn dieser Turm von etwas kündet, dann von der eigenen Vorläufigkeit. Diese Bank ist kein Geldbunker, vielmehr offenbart sie etwas vom Unabsehbaren des Gebens und Nehmens, vom Verlieren und Gewinnen.

Eine fragile Balance ist das, von der niemand weiß, wie lange sie eigentlich halten wird. Fast meint man, hier hätte ein Riesenkind seine Steinchen zu einem Wackelgebilde aufgetürmt, das jederzeit einstürzen könnte. Diese Architektur wagt zwar Höhe, dementiert sie aber sofort, und so gibt es auch keine erhabene Spitze, sondern nur einige bunte Scheiben, die scheinbar wirr auf dem Dach herumstehen - als wäre der Glaser noch nicht fertig mit seiner Arbeit, als würde immer noch gewerkelt und umgeplant.