Schweden und das "Dritte Reich" - das ist eine mysteriöse Geschichte.

Immer wieder hat es Versuche gegeben, sie aufzuhellen, immer wieder hat die Debatte darüber in Schweden selbst begonnen, und immer wieder war sie rasch zu Ende. 1988 versuchte es die Schriftstellerin Maria-Pia Boëthius mit einem Buch über ihr Land im Zweiten Weltkrieg, Heder och Samvete (Ehre und Gewissen). 1994 musste einer der erfolgreichsten Unternehmer Schwedens, Ikea-Gründer Ingvar Kamprad, zugeben, in seiner Jugend Mitglied einer nazistischen Organisation gewesen zu sein. Auch über die schwedischen Freiwilligen in der Waffen-SS erschienen Ende der neuziger Jahre Dokumentationen, die für Aufsehen sorgten. Jetzt kommt das unterdrückte Thema wieder hoch. Vor zwei Wochen veröffentlichte der NS-Forscher Tobias Hübinette in seinem Buch Nationalsocialismen i Sverige 1931 - 1945 Medlöpare och Sympatisörer 28 000 Namen, darunter die von Lehrern, Pfarrern, Offizieren, Juristen, Polizisten und anderen ehrenwerten Mitgliedern der Gesellschaft.

Nicht wenige dieser "Mitläufer und Sympathisanten" spielten nach dem Krieg eine wichtige Rolle im Land, beispielsweise Per-Olof Strindberg, zwischen 1971 und 1988 einflussreicher Reichstagsabgeordneter der Konservativen.

Wichtiger als die schwedischen Nazis - trotz allem eine Minderheit - war seinerzeit allerdings die gutbürgerliche und sozialdemokratische Elite des Landes. Sympathien für die NS-Bewegung waren in diesen Kreisen kaum auszumachen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass deren Verhalten von unmissverständlicher Klarheit gewesen wäre.

So wusste Stockholm schon früh über das Ausmaß der Verbrechen von Wehrmacht, Polizei und SS vor allem im europäischen Osten sehr genau Bescheid. Im Oktober 1941, bald nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, hatte Schwedens Militärattaché in Berlin, Curt Juhlin-Dahnfelt, den Nachrichtendienst der schwedischen Armee über die Massenerschießungen informiert. Weitere Berichte aus anderen Quellen folgten. Die Reaktion in Stockholm war in allen Fällen die gleiche: Schweigen. Trotzdem ließ sich der Holocaust auf Dauer nicht verheimlichen. Bereits am 1. Oktober 1942 brachte Göteborgs Handels- och Sjöfartstidning einen Artikel auf der Titelseite: Der Ausrottungskrieg gegen die Juden.

Am 13. Mai 1943 behandelte der Stockholmer Reichstag das Thema kurz in geschlossener Sitzung. Der kommunistische Abgeordnete Kurt Hilding Hagberg stellte die Frage, "inwieweit die Regierung die Möglichkeit geprüft hat, dass schwedische Schiffe, welche Lebensmittel nach Griechenland transportieren, auf dem Rückweg Flüchtlinge mitnehmen. Ich denke insbesondere an jüdische Flüchtlinge." Außenminister Christian Günther ignorierte die Frage. Hagberg, einem ehemaligen Bergarbeiter, der sich den allseits gedämpften Tonfall noch nicht richtig zu Eigen gemacht hatte, platzte der Kragen: "Im besetzten Europa läuft eine Ausrottungskampagne gegen das jüdische Volk ab ... Ich deute das Schweigen des Außenministers ... als Gleichgültigkeit gegenüber dieser Frage."

Damit tat er dem Außenminister sicher Unrecht. Schließlich handelte es bei Günther um einen hoch kultivierten Berufsdiplomaten, der in jungen Jahren auch literarische Ambitionen gepflegt hatte. Im Dezember 1939, bei der Bildung einer Allparteienregierung (ohne die Kommunisten), war er an die Spitze des Außenamts getreten. Er schien der rechte Mann zu sein, um die Außenpolitik aus allem Parteienstreit herauszuhalten.