In den Hallen der Universität München hat sich die Lethargie der Semesterferien ausgebreitet. Aber zwei U-Bahn-Stationen weiter drängen sich im Versammlungsraum der Erlöserkirche nahe der Münchner Freiheit rund 200 angespannte Studenten. In dem Saal, der eigentlich für Altennachmittage gedacht ist, türmen sich rote Gesetzessammlungen auf Vierertischchen, wo sonst für Kaffee und Kuchen gedeckt ist. Wenige Wochen haben die Studierenden noch, dann beginnt für sie die erste juristische Staatsprüfung. Da bekommen die Punkte, die sie gerade für ihre Übungsklausuren erhalten haben, erschreckende Aktualität.

Achim Wüst bespricht an diesem Nachmittag einen Examensfall aus Nordrhein-Westfalen, "vielleicht kommt der ja auch in Bayern dran". Als Repetitor ist er eine Münchner Institution: Bis zu 70 Prozent der angehenden Juristen besuchen die Veranstaltungen des Repetitoriums Hemmer, dessen Mitinhaber Wüst ist. Rund 160 Euro bezahlen sie monatlich, um sich ein bis zwei Jahre lang fürs Examen fit machen zu lassen. Die Tatsache, dass die große Mehrheit der Studierenden auf den Repetitor bei der Examensvorbereitung nicht verzichten will, das Studium in den Semestern vor dem Examen quasi privatisiert ist, gilt als auffälligstes Zeichen für die Misere der deutschen Juristenausbildung.

Für Studienanfänger sollen im nächsten Jahr bessere Zeiten anbrechen, denn im April haben sich Bund und Länder nach langem Hin und Her geeinigt: Mehr Einfluss der Universitäten auf die erste Staatsprüfung und mehr anwaltsbezogene Ausbildung im Referendariat - so lassen sich die Kernvorhaben der Reform zusammenfassen. Kritiker aber bezweifeln, ob sich damit die bekannten Probleme und Widersprüche der in Studium und Referendariat geteilten Ausbildung lösen lassen.

So verlieren sich Studierende bislang an der Uni oft in den Meinungsstreits der Professoren. Sie bekommen dann aber vom jeweiligen Landesjustizprüfungsamt ein Examen vorgesetzt, das neben wissenschaftlichen Fragen auch prüft, ob der Nachwuchs das Handwerkszeug praxisbezogen anwenden kann. Wo das nicht zusammenpasst, füllt der Repetitor die Lücke - gegen Bares. Weiter werden Studenten motiviert, zügig zu studieren - nach der so genannten Freischussregelung hat einen zusätzlichen Versuch, wer bereits nach dem achten Semester zum ersten Staatsexamen antritt -, um dann anschließend, je nach Bundesland, bis zu zwei Jahre auf einen Referendariatsplatz zu warten.

Schließlich zum Referendar ernannt, wird der Nachwuchs von der Justiz ausgebildet und auf den Richterberuf vorbereitet - obwohl der Staat nicht mal fünf Prozent der Absolventen dafür einsetzen kann. Konfliktlösung ohne Gericht, Vertragsgestaltung nach speziellem Mandantenwunsch - für die meisten beginnt die eigentliche Ausbildung, bei Anwälten oder in der Wirtschaft, oft erst jetzt. So mancher junge Jurist, der auszog, in Staat, Verwaltung oder Industrie Karriere zu machen, steht dann auf der Straße: 30 Prozent mehr Rechtswissenschaftler als im Vorjahr meldeten sich im Juli 2002 arbeitslos.

Allen Stationen dieser Juristenkarriere gemeinsam ist das Modell des Einheitsjuristen: Theoretisch verbirgt sich dahinter ein Alleskönner in Sachen Recht. Wer also Rechtsanwalt werden will, geht dennoch durch die Mühlen der Justizausbildung, die ihn zum Richteramt befähigt. Wer schon im vierten Uni-Semester weiß, dass er mit Wirtschaftsrecht reüssieren will und auf Wall-Street-Gehälter schielt, mit der auch deutsche Großkanzleien den Besten winken, kommt um Strafrecht nicht herum. Ein Auslaufmodell, das angesichts immer neuer Gesetze und immer spezialisierterer Arbeit utopisch sei, sagen Kritiker. Dafür habe man Verständnis für die andere Seite, halten Befürworter dagegen. Weiß als Anwalt, wie Richter denken, und umgekehrt.

"Masochisten gesucht"