Als die Amerikaner harte Maßnahmen gegen Bilanzfälscher und korrupte Manager ankündigten und Führungskräfte zum Eid auf ihre Bilanzen zwangen, ertönte hierzulande ein Aufschrei. Denn die Vereinigten Staaten wenden ihr Recht auch auf deutsche Firmen an, wenn diese - wie DaimlerChrysler oder die Deutsche Telekom - an einer US-Börse notiert sind. Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin beschwerte sich über "extraterritoriale" Ansprüche, der Bundesverband der Deutschen Industrie warnte vor "Verwerfungen".

Doch inzwischen wird deutlich: Es sind nicht juristische Übergriffe aus dem Ausland, die die Deutschland AG verändern, sondern heimische Gesetzesinitiativen. Ungeachtet aller Proteste, kupfern hiesige Politiker nämlich längst aus Übersee ab und entwerfen eigene Gesetze zum besseren Schutz der Aktionäre - freiwillig, wohlgemerkt. Daneben feilt eine Regierungskommission an neuen Regeln, und auch der Deutsche Juristentag, der übernächste Woche beginnt, befasst sich mit dem Thema.

So unterschiedlich die Konzepte sind, die etwa CSU-Finanzexpertin Gerda Hasselfeldt, Matthias Wissmann von der CDU oder die Bundesregierung vorgelegt haben - in ihnen werden Kernpunkte deutlich, die über den Wahlkampf hinaus Bestand haben könnten: Eine Art Bilanzpolizei soll künftig verdächtige Jahresabschlüsse von Unternehmen kontrollieren; Wirtschaftsprüfer dürfen nicht mehr uneingeschränkt als Prüfer und gleichzeitig als Berater auftreten. Außerdem steigt der Druck auf die Unternehmen, detailliert Vorstandsgehälter inklusive Aktienoptionen offen zu legen. Das empfiehlt bereits die von der Regierung eingesetzte Corporate-Governance-Kommission. In ihr arbeiten Manager und Gewerkschafter gemeinsam an neuen Regeln für die Leitung und Kontrolle von Unternehmen. Rechtlich betritt die Kommission Neuland: Unternehmen sind nicht verpflichtet, ihren Empfehlungen zu folgen, müssen aber jede Abweichung öffentlich erklären.

Fast alle Vorschläge sehen außerdem vor, dass Aktionäre Vorstände und Aufsichtsräte auf Schadenersatz verklagen können, wenn sie durch falsche Informationen hinters Licht geführt wurden. Damit nähert man sich der längst gängigen US-Praxis an. "Das 10-Punkte-Programm der Bundesjustizministerin ist auch die beste Bestätigung für die neue amerikanische Gesetzgebung", sagt Jochen Winter, Partner der Wirtschaftskanzlei Linklaters Oppenhoff & Rädler. "Es ist in vielem identisch."

Unterdessen sind die Folgen des neuen US-Rechts hierzulande wohl weniger dramatisch als befürchtet. Zwar gilt nun auch für hiesige Manager, dass sie für ihre Bilanz bürgen müssen, wenn ihr Unternehmen an einer US-Börse gelistet ist. Bei anderen Streitpunkten deutet sich aber Entspannung an, etwa im Konflikt um die audit committees - besondere Ausschüsse für Bilanzfragen innerhalb der Unternehmen. Die Form dieser Gremien schien mit dem deutschen Mitbestimmungsrecht unvereinbar, doch auf einmal spricht die US-Börsenaufsicht SEC alternativ von "anderen, eine entsprechende Funktion erfüllenden Personen". Nach Ansicht von Hanno Merkt, Professor für Wirtschaftsrecht an der Bucerius Law School in Hamburg, sind auch andere Widersprüche zwischen dem hiesigen Recht und den US-Regeln lösbar; etwa in der Frage, wer im Unternehmen den Wirtschaftsprüfer auswählt. "Allerdings ist es kontraproduktiv", warnt Merkt, "wenn das deutsche Justizministerium säbelrasselnd Ausnahmen fordert."