Sehr grob betrachtet, teilt sich die Literatur aus der ehemaligen DDR heute in die fünf folgenden Abteilungen ein: Es gibt Bücher von Autoren, die wussten und erduldeten, was los war, und die heute Bücher über Krankheiten schreiben (Kultautoren). Es gibt Bücher von Autoren, die wussten und billigten, was los war, und die heute noch immer keinen Johnny Walker trinken wollen (Büchnerpreisträger). Es gibt Autoren, die wussten und missbilligten, was los war, und die die DDR bis heute literarisch zertrümmern (Ladenhüter).

Es gibt Autoren, die zu jung waren, um zu wissen, was los war, und die sich heute eine DDR erfinden (siehe Seite 49). Und es gibt Autoren, die wussten und missbilligten, was los war, und die jetzt einen Wendekater haben: Monika Maron.

An ihrer intelligenten Kaltschnäuzigkeit konnte sich in den vergangenen 13 Jahren erfreuen, wer die zynischen bis Mitleid heischenden Phantomschmerzen der ehemaligen Genossen nicht mehr ertragen mochte. Stille Zeile sechs war ihre Abrechnung mit dem Stumpfsinn der sozialistischen Gründergeneration, Animal triste ist einer der bewundernswürdigsten Liebesromane der Gegenwart, ihre Essays und selbst ihre post festum veröffentlichten Berichte für die Staatssicherheit sind journalistische Glanzstücke.

Jetzt geht sie in Asche. Jedenfalls ihre Heldin, deren Ähnlichkeit mit der Autorin, was Alter, Wohnsitz und Mutterwitz angeht, nicht zufällig ist. Die Zeit ist viele Jahre nach der Wende, die Heldin gehört zur inzwischen halb ruinierten, halb vor sich hinträumenden ostdeutschen Akademikerschaft. Sie betreibt einen journalistischen Kleinhandel mit Biografien, Vor- und Nachworten. Vom Ehemann, der hinter seinen Kleist-Forschungen zu verschwinden droht, sieht sie seit Jahren nur noch den Rücken.

Das Leben steht still, viel Neues fällt einem nicht mehr ein, alt wird man sowieso, die einzige Entscheidung, die in solcher Lage noch bleibt, heißt es einmal, ist die Ehescheidung. Ihren Humor jedenfalls hat die Autorin nicht verloren, sonst wäre diese Alterselegie, owê war sint verswunden alliu mîniu jâr!, sonst wäre dieser wehmütige Altweibersommer auf dem Land mit Grützwurst und Satie vielleicht doch nicht ganz so geglückt, wie er ist.

Ein kluges, halb ironisches, halb verzweifeltes Alterswerk also, der Bericht einer intellektuellen und erotischen Krise, die beispielhaft sein mag für die fünfte Kolonne der ehemaligen DDR-Autoren, für die "das eigentliche Leben" zu spät angefangen hat. Denn zu lange hatten sie sich schon verbarrikadiert hinter den 1001 Bänden einer historisch-kritischen Kleist-Ausgabe, lebten wild und ungefährlich in Fußnoten und Anspielungsapparaten, 15 Jahre im Dienst von Ludwig Tieck vergingen wie nichts. Von Ferne glimmt der publizistische Stellvertreterkrieg, den die DDR-Intellektuellen im Namen der deutschen Romantik gegen die DDR geführt haben, hier noch nach.

So gesehen - und in dieser luziden Nüchternheit sieht die Heldin ihr Leben -, ist das Jahrzehnt der Freiheit ein Minusgeschäft. Das märkische Landhaus, einst belebte Produktionsstätte subversiver Randbemerkungen, ist heute das Refugium zur Lektüre des lokalen Werbeblättchens. Die Aufsätze über preußische Königsmätressen, einst ein schillernder Karneval maskierter Botschaften, ist heute ein Fall für abgeschriebene Altredakteure und westdeutsche Nischen-Intellektuelle. Deren melancholischer Gleichmut ("laß sie doch ziehen, die Welt") ist allerdings nicht, was diese Vorruheständlerin begehrt. Sie wartet auf ein "Gefühl", auf ein Ereignis, das ihre "Schläfrigkeit" vertreibt und das gegen Ende des Romans auch eintrifft und selbstverständlich sexueller Natur ist ("ein Mann und eine Frau, sonst nichts").