Verwestlichung und Modernisierung sind ein altes Motiv in der russischen Geschichte. Aber auch das Gegenteil: das "slawische Motiv", wonach Russland eine andere Bestimmung als der Westen habe und sich nicht mit ihm vereinen dürfe. Dieser Strang findet sich übrigens auch im Bolschewismus, unter rotem Vorzeichen: "Wir sind anders und besser, wir sind die Zukunft, und wir werden den Westen begraben."

ZEIT: Und der Putinismus?

Huntington: Dieser unterscheidet sich vom Jelzinismus, der sich mit dem Westen ideologisch und kulturell identifizierte. Putin ist bloß ein Pragmatiker. Wenn es ihm passt, kooperiert er mit den USA, mit dem Westen.

Gleichzeitig mag er genau das Gegenteil tun - wie jetzt, wo er eine Politik im Iran, im Irak und in Nordkorea verfolgt, die sich gegen die amerikanische richtet.

ZEIT: Die Konflikte innerhalb der Kulturen ist manchmal schärfer als der zwischen den Kulturen. Der Irak hat den Iran und Kuwait angegriffen.

Andererseits drängt die Türkei in die christliche EU.

Huntington: Gewiss gibt es ernsthafte Konflikte im Islam selbst, wie ich es in meinem Buch betont habe. Apropos Türkei: Die versucht seit 20 Jahren, der EU beizutreten, bleibt aber immer am Ende der Schlange. Polen, Tschechien, Estland, Litauen werden vorrücken, die Türkei nicht, weil die EU nicht glaubt, dass sie in den Club gehört - und zwar aus kulturellen Gründen.

ZEIT: Was haben denn all die "-stan"-Länder - Usbekistan, Kasachstan et cetera - gemeinsam mit Ägypten, Algerien oder Irak?

Huntington: Alle sind Muslime, und alle haben fundamentalistische Bewegungen.

Und extrem autoritäre Regime. Das Interessanteste am früheren Sowjetblock ist doch, dass Demokratisierung und Wirtschaftsreform präzise entlang kultureller Grenzen verlaufen. Alle Länder, die einst zum Westen gehörten, also Zentraleuropa, verzeichnen große Fortschritte. Die orthodoxen Kulturen wie Bulgarien, Weißrussland und Ukraine hinken hinterher, und das muslimische Albanien oder die "-stan"-Länder Zentralasiens sind ganz weit hinten.

ZEIT: Der Islam leidet in seiner Entwicklung an einer "Kultur der Rückständigkeit"?

Huntington: Nur im politisch-wirtschaftlichen, nicht im kulturellen Sinne.

Grundsätzlich: Unter den 25 Ländern des früheren Sowjetblocks korreliert die demokratische und wirtschaftliche Entwicklung mit den zivilisatorischen Unterschieden. Warum geht es Polen besser als der Ukraine, wo doch dieses Land einst das industrielle Kraftzentrum der Sowjetunion war?

ZEIT: Demnach wäre Kultur Schicksal.

Huntington: Nichts ist als solches Schicksal. Aber die Kultur war historisch eine mächtige Kraft, und sie es auch heute.