Suchen wir also weiter. Bei Sabine Christiansen vertrat kürzlich Horst Malberg von der Freien Universität Berlin die These, der derzeitige Klimawandel bewege sich im normalen Schwankungsbereich, 1790 sei es sogar schon einmal deutlich wärmer gewesen als heute. Ist das ein wissenschaftlicher Widerspruch zum Bericht des IPCC? Der sagt nämlich, in den neunziger Jahre sei es nach den vorliegenden Daten "sehr wahrscheinlich" wärmer als jemals zuvor in den vergangenen 1000 Jahren gewesen.

Doch es stellt sich heraus: Malberg spricht von einzelnen Regionen. Kein Klimaforscher behauptet, es sei überall wärmer als seit 1000 Jahren, dies gilt nur für den Mittelwert über die gesamte Nordhalbkugel. Einzelne Orte sind wenig aussagekräftig erst die globale Gesamtschau belegt die ungewöhnliche Erwärmung.

Malberg sagt weiter: Nach seinen Untersuchungen seien zwei Drittel der Erderwärmung auf die Sonne zurückzuführen, nur ein Drittel auf den Menschen.

Endlich eine wissenschaftliche Aussage, die klar dem IPCC-Bericht widerspricht. Diese Untersuchung will ich sogleich im Detail nachlesen. Doch der Blick in die Datenbank ergibt: In Malbergs Publikationsliste findet sich nichts zum Einfluss der Sonne auf das Klima. Sollte er etwa seine Ergebnisse im Fernsehen verbreiten, bevor er sie auf üblichem Wege den Fachkollegen zur Diskussion stellt?

Die Rolle der Sonne wird übertrieben Wie ein Wissenschaftsstreit normalerweise funktioniert, zeigt das Beispiel seiner dänischen Kollegen Friis-Christensen und Lassen. Sie veröffentlichten 1991 eine Korrelation des Sonnenfleckenzyklus mit der Erdtemperatur im Top-Journal Science und folgerten: Die Erwärmung ist größtenteils auf die Sonnenaktivität zurückzuführen. Dänische Kollegen erhielten die Originaldaten und konnten zeigen, dass die gute Korrelation mit den ungefilterten Rohdaten nicht nachvollziehbar war und auf einem statistischen Trick beruhte. Knud Lassen selbst zog vor über zwei Jahren seine Kurve zurück und ersetzte sie auf der Grundlage aktuellerer Daten durch eine neue. Diesmal folgerte er: Durch die Sonnenaktivität hätte sich das Klima in den vergangenen 25 Jahren nicht aufheizen dürfen, die starke Erwärmung gerade in diesem Zeitraum deutet auf den Einfluss des Menschen hin.

In Deutschland wirbt vor allem Ulrich Berner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe für die These vom dominanten Einfluss der Sonne auf das Klima: mit einem Buch (Klimafakten), einem Faltblatt und neuerdings einer Kurzversion des Buches, alle durch den Verband der Braunkohleindustrie großzügig unter Politikern und Journalisten verteilt. Dem Spiegel war es eine Geschichte wert. Doch der Citation Index verrät: Auch Berner hat keine eigene Forschungsarbeit zum Thema publiziert. Vielmehr argumentiert er mit der alten Sonnenkurve von Friis-Christensen und Lassen die wurde auch neben seinem Spiegel -Interview im Juni 2001 abgedruckt - leider ohne jeden Hinweis auf die neue Version der Lassen-Kurve, die das Gegenteil seiner These belegt.

Auch zum Treibhaus hat Berner Klimafakten zu berichten: Er betont, der Mensch trage nur zwei Prozent zu diesem Effekt bei. Der Laie atmet auf. Doch auch hier schlummert kein Wissenschaftsstreit - die Zahl entstammt dem IPCC-Bericht. Streiten kann man höchstens darüber, wie Berner diesen Wert in seiner Öffentlichkeitsarbeit einsetzt: nämlich meist ohne zu erwähnen, dass der gesamte (natürliche) Treibhauseffekt etwa 33 Grad Celsius ausmacht ohne ihn herrschte auf der Erde lebensfeindliche Kälte. Eine kurze Überschlagsrechnung macht auch dem Laien klar: Eine Verstärkung durch den Menschen um zwei Prozent passt gut zu der gemessenen Erwärmung von 0,7 Grad in den vergangenen 100 Jahren.