Lesen Sie dieses Buch bloß nicht! Viele unverständliche Fremdwörter, komplizierter Satzbau, noch kompliziertere Gedankenführung, aber alles frei formuliert. Für die Studenten im überfüllten Gerichtssaal damals erstaunlicherweise weitgehend verständlich. Die drei Richter und zwei Schöffen werden gestaunt haben über diesen 26-Jährigen (und sich bei seinem Auftritt gewiss nicht schlecht gelangweilt). Die Presse war beeindruckt.

Zu dem, was wir im Allgemeinen das Leben nennen und das Persönliche, sagte er wenig. Das Wichtigste: "In Niedersachsen, jedenfalls in den Teilen, aus denen ich komme, herrscht noch zum starken Teil das, was man als Ideologie der Erde bezeichnen kann, und so habe auch ich mich, als ich meinen politischen Bildungsprozeß durchmachte, zunächst nicht anders als im Bezugsrahmen der Deutschen Partei bis zur Welfenpartei bewegen können. Ich konnte mir nicht einmal die Ideologien erarbeiten, die Liberalität und Parlamentarismus bedeuten, - wenn man bedenkt, daß die Dörfer, in denen ich aufgewachsen bin ...", was nicht ganz korrekt ist. Es waren zwei Kleinstädte mit jeweils etwa 15 000 Einwohnern, nämlich Sarstedt bei Hannover und Alfeld an der Leine, also, die Dörfer, in denen ich aufgewachsen bin, "jene Nicht-Öffentlichkeit noch pflegen in ihren Zusammenkünften, die an die Rituale mittelalterlicher Hexenprozesse erinnern. Wenn man davon ausgeht, daß heute noch in vielen Teilen der Bundesrepublik, vom Bayerischen Wald bis zur niedersächsischen Heide, finsterste Ideologien der Mystik stattfinden, so war es sehr verständlich, daß mich mein Bildungsprozeß zunächst einmal in den Ludendorffbund trieb." Begriffliches Denken habe er "aus der Mystik Meister Eckharts und Roswithas von Gandersheim erfahren". Und mit dialektischem Witz fügt er an: "Ideologien, die, wenn man sie marxistisch interpretieren will, sicherlich ausgelegt werden können im Sinne eines utopischen Denkens, wie es Ernst Bloch getan hat, die aber, wenn man sie aus dem Erfahrungszusammenhang der herrschenden Klasse rezipiert, finsterste Unmündigkeit reproduzieren."

"Haben sie euch gefoltert?" fragte Adorno

Der Ludendorffbund war der von Mathilde Ludendorff - Witwe des berühmten rechtsradikalen Generals aus dem Ersten Weltkrieg - gegründete "Bund für Gotterkenntnis", eine "deutsch-germanische" Religionsgemeinschaft mit düsteren Verschwörungstheorien über Juden, Jesuiten und Freimaurer. Ein "artgemäßer deutscher Glaube" sollte das Christentum ersetzen. Also rassistisch, antisemitisch, antichristlich. Mathilde Ludendorff starb erst 1966 und hatte einigen Anhang in den Anfangsjahren der Bundesrepublik.

So sei es für ihn, fährt Krahl fort, schon "ein enormer Schritt an Aufklärung" gewesen, dass er 1961 der CDU beitrat und in Alfeld die Junge Union gründete. Hier habe "gewissermaßen eine Odyssee durch die Organisationsformen der herrschenden Klasse hindurch" begonnen, "und es gehört, das möchte ich mir ganz persönlich zugute halten, ein enormes Ausmaß auch an psychischer Konsistenz dazu, in dieser finsteren Provinz zwei Jahre kontinuierlich an CDU-Versammlungen von Kleinstadt-Honoratioren teilzunehmen ..."

Die große Konversion ließ auf sich warten. Noch in Göttingen, nach Beginn des Studiums, wurde Krahl Mitglied einer schlagenden Verbindung: "Was dort in hirnlosen Köpfen, die alle permanent Faschismus produzieren, vor sich geht, kann man zunächst gar nicht anders als elitär interpretieren." Dann der Wendepunkt: "Aus dieser schlagenden Verbindung wurde ich allerdings rausgeworfen, nachdem ich einen antiautoritären Aufstand gegen einen Alten Herrn vorgenommen hatte." Krahls Entschluss stand fest: "Nachdem mich die herrschende Klasse rausgeworfen hatte, entschloß ich mich dann auch, sie gründlich zu verraten, und wurde Mitglied im SDS."

Hans-Jürgen Krahl war ein hochgebildeter und scharfsinniger Mann. Er hatte nicht nur viel gelesen, sondern auch ein phänomenales Gedächtnis. Marx und die Frankfurter Schule waren ihm vertraut, Kant, Hegel, Nietzsche, Platon und Aristoteles auf Griechisch, Friedrich Hölderlin und, natürlich, Gottfried Benn, der Übervater der deutschen Dichtung bis heute. Dutschke dagegen war auf Revolutionsliteratur spezialisiert und Krahl im Theoretischen weit unterlegen. Ein "revolutionäres Zirkuspferd" nannte Krahl ihn einmal, arrogant, wie er war. Dennoch: Die beiden verstanden sich gut und setzten sich im SDS als Fraktion der Antiautoritären gemeinsam gegen den Betonflügel der orthodoxen Marxisten-Leninisten durch, Ziel war ein freiheitlicher Sozialismus, nicht der repressive Staatskommunismus der DDR.