Dutschke und Krahl. Beide waren gleich groß oder besser gleich klein, aber Krahl sehr zart, sehr blass, hatte als kleines Kind im Krieg - bei einem Bombenangriff - sein rechtes Auge verloren, trug nun eins aus Glas. Als Schüler war er längere Zeit sehr krank gewesen, während Dutschke sich als durchtrainierter Sportler zeigte. Wie Dutschke kam Krahl aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, machte aber ab und zu seltsame Andeutungen über Herkunft von Adel, manchmal fiel sogar der Name des Fürsten Hardenberg. Dutschke war mit Gretchen verheiratet, Krahl trotz vieler Bewunderer und Anhänger ziemlich einsam. Er sah sehr jung aus, mit dünnem dunklen Haar, nicht so wild wie Rudi Dutschke. Intellektuell, meist mit Brille. Ist von den Studenten auch nicht vertraulich mit dem Vornamen genannt worden wie "Rudi". Hieß "Krahl" oder "der Krahl".

Von Göttingen, wo er Philosophie, Germanistik und Geschichte studierte, ging er 1965 - da war er schon seit einem Jahr Mitglied im SDS - nach Frankfurt. Im Antrag für die Immatrikulation steht auf die Frage nach dem Berufsziel, die selbstbewusste Antwort: "Hochschullehrer". Ohne Zweifel, das hätte er geschafft, wurde aber Revolutionär und vergaß es. War Doktorand bei Adorno über Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung bei Marx und kam nicht hinaus über Skizzen und Exzerpte; die Revolution verschlang seine Zeit.

Seit Mitte 1967 ist er allgemein als Kopf des Frankfurter SDS bekannt. Mühelos nimmt der Riesentheoretiker die Diskussion mit Habermas auf beim Kongress in Hannover nach der Beerdigung Benno Ohnesorgs, den am 2. Juni 1967, während einer Demonstration gegen den Schah von Persien in Berlin, eine Polizeikugel getroffen hatte. Überall ist Krahl 1968 dabei. Beim großen Vietnam-Kongress in Berlin und bei der Debatte mit Ralf Dahrendorf auf dem Frankfurter Soziologentag im April. In der Bonner Beethovenhalle und auf dem Frankfurter Römerberg gegen die Notstandsgesetze im Mai. Im Juli vier Tage mit dem Philosophen Herbert Marcuse im Audimax der Berliner Freien Universität. Im Herbst tummelt er sich mit Megafon auf der Buchmesse, wird vor der Paulskirche von der Polizei verprügelt, diskutiert darüber mit Adorno, Günter Grass und Habermas und ist im Wintersemester beim aktiven Streik Sprecher aller protestierenden Studenten.

Nach der Institutsbesetzung und der Verhaftung (im Januar 1969) ist Krahl ihr Held. "Unser Krahl will saufen, gebt ihm einen Doppelkorn", singen sie im überfüllten Gerichtsgebäude bei der Vorverhandlung. Einen Tag später lässt der Richter ihn frei mit der Auflage, sich einen festen Wohnsitz zu suchen und polizeilich anzumelden.

Zwei Probleme. Seit längerem hat Krahl keine Wohnung, nur eine nicht sehr große karierte Stofftasche mit seiner ganzen Habe, keine Bibliothek, aber alles im Kopf, lebt mal hier in einer Wohngemeinschaft, mal dort in einem Studentenheim. Er hat kaum noch Geld, leiht oft mit dem Versprechen, er werde am nächsten Tag zurückzahlen; daran ist dann manche Freundschaft zerbrochen. Die Revolution geht vor. Abends sieht man ihn in den Kneipen bei unendlich vielen doppelten Doppelkorn. Sein Alkoholismus ist bekannt. Dann singt er: "Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen, aus Herzog Widukinds Stamm." Die Ideologie der Erde.

Kaum aus der Untersuchungshaft entlassen, eilt er wieder von Auftritt zu Auftritt, ruft in Marburg zu einem Streik auf an allen hessischen Universitäten gegen das neue - "technokratische" - Hochschulgesetz und will jetzt auch Jungarbeiter und Lehrlinge für den Kampf der außerparlamentarischen Opposition mobilisieren. (Im Parlament gab es ja damals, zu Zeiten der Großen Koalition, neben den Regierungsparteien keine Opposition, sondern nur die FDP.)

Im Sommer schließlich der Prozess wegen der Besetzung des Instituts mit dem Zeugen Adorno. Günter Grass hatte wohl das richtige Gefühl, als er Adorno damals (öffentlich) fragte: "Warum fürchten Sie sich vor Ihren Schülern?" Damit war Krahl gemeint. Furcht war vielleicht das falsche Wort. Aber Adorno war mulmig. Er hatte Sympathie für die Revolte, aber es gab auch die Erfahrungen der Hitlerzeit. Er teilte die Kritik der Studenten an der kapitalistischen Ordnung, aber er war auch besorgt, ihre Rebellion könne schlafende Hunde wecken. Einen Studenten, der kurze Zeit von der Polizei festgenommen war, soll er gefragt haben: "Haben sie euch gefoltert?" Erinnerungen an die Gestapo, völlig vorbei an der westdeutschen Wirklichkeit. Auch das war Theodor W. Adorno.